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Erschienen in: Direkte Aktion 185 – Januar/Februar 2008

Kolumne Durruti

— abgelegt unter:

Zugegeben, es gibt Tage, an denen, und Ereignisse, zu denen einem einfach nichts einfallen will. An just einem solchen wurde mir just ein solches als Thema vorgeschlagen. „Mach doch was zur Pin AG und der Demo gegen Mindestlohn.“ Ich muss gestehen, bis dato in völliger Unwissenheit meine Tage verlebt zu haben. Demo gegen Mindestlohn? Wo bitte gibt’s denn so was? Ach so, da hängt Axel Springer mit drin. Dann ist ja wenigstens das Weltbild wieder halbwegs im Einklang mit der Wirklichkeit. Dürfen wir uns also in Zukunft auf allerlei widersinnige Unmutsbekundungen auf öffentlichen Plätzen freuen? Bild-Reporter gegen freie Meinungsäußerungen, Seite-Eins-Girls gegen Feminismus … eigentlich ja unnötig, das erledigt sich in der Praxis schon von selbst. Was also treibt die chronisch unterbezahlten MitarbeiterInnen der Pin AG auf die Straße?

Wir schlagen die Bild auf: „Mindestlohn? Dann gehen wir Pleite!“ Aha! „Klingt gut, macht aber arbeitslos!“ Hört, hört, da wird ja seit Wochen Sperrfeuer geschossen im konservativen Blätterwald. Wirtschaftsexperten fahren dicke Geschütze auf, Halbtagsprophet Hans-Olaf Henkel sieht schon „Stabilität und Wohlstand“ in Gefahr. Wessen Wohlstand jetzt genau? Was kostet denn so eine Mehrheitsbeteiligung bei einem Postzusteller? 550 Millionen, ach so, der Wohlstand also. So langsam gibt das ein rundes Bild. Scheint fast so, als hätte Pin im letzten Jahr ordentlich Verluste gemacht, dabei aber beständig andere kleine Anbieter einkassiert. Jetzt fühlt man sich bedroht, man spricht von Insolvenz, Springer will raus, die ersten tausend Mitarbeiter dürfen schon die Koffer packen.

Scheint fast so, als habe der diabolische Mindestlohn schon erste Opfer gefordert. Zumindest wenn man dem ollen CEO der Pin, Günter Thiel, glauben darf. Also haben wir ein Unternehmen, angetreten voll guten Mutes gegen die übermächtige, finstere Bastion der deutschen Post, im Kampf um mehr Wettbewerb auf dem Postzustellungsmarkt, mit dem Ziel, Postdienste für uns alle komfortabler und günstiger zu machen? Ein hehres Ziel, vereitelt von scheußlichen Dämonen, Ver.di, Lafontaine, der SPD, denen nur daran gelegen ist, dem Frontkämpfer mit der grünen Umhängetasche, im Felde unbesiegt, den Dolch in den Rücken zu stoßen? Oder vielleicht doch nur ein beschissen geführtes Unternehmen, das sich nur über Wasser halten kann, wenn es seine Angestellten mit lächerlichen Löhnen abspeist, und das von Springer dazu benutzt wird, eine politische Entscheidung zu erzwingen, wenn sich schon nicht der große Reibach machen lässt?

Persönlich tendiere ich ja zur zweiten Ansicht. Aber ich bin sicher voreingenommen, habe ein tiefes Misstrauen gegen Menschen mit Titeln wie „CEO“, die Wörter wie „Investments“ benutzen, und komme davon leider nicht mehr los. Das ist sicher sehr unfair diesen Leuten gegenüber, denn schließlich wollen sie ja immer nur unser Bestes. Die Pin-DemonstrantInnen zumindest sollten das mittlerweile erkannt haben, hat ihnen der freundliche Vorstand doch sogar gestattet, während der Arbeitszeit und sogar bei Zahlung des zugegebenermaßen etwas kümmerlichen Lohns auf der Straße für ihre Arbeitsplätze zu kämpfen. Und ganz unerwartet erhält sogar der böse Feind, die Post AG, ein menschliches Antlitz. Man sei grundsätzlich bereit, die entlassenen Pins zu übernehmen, heißt es jetzt von dieser Seite. „Das ist auch ein politisches Signal.“

Jetzt weiß ich endlich auch, was soziale Marktwirtschaft bedeutet. Und sind wir doch mal ehrlich, Steuerhinterziehung, manipulierte Betriebsratswahlen und eine Grundvergütung von 5,86 Euro sind doch so schlimm gar nicht. Hauptsache, es gibt genug Arbeitsplätze.

Christian Schmidt

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