Zum Anhören: Mitschnitt der DA-Podiumsdiskussion zu Krise und Revolte
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Erschienen in: Direkte Aktion 191 – Januar/Februar 2009

Katalysator sozialrevolutionärer Prozesse

Nachruf auf einen Freund und Genossen

— abgelegt unter:

Am 20. November verstarb im Alter von 60 Jahren unser Freund und Genosse HaJo Gaffron. Bis zuletzt hatte er sich mit unvorstellbarer Kraft gegen schwere Erkrankungen gestemmt. Geschont hat er sich nie. Das Kämpfen, die Rebellion war sein Naturell.

HaJo kam aus der 68er Bewegung, die er als Militanter in den Straßen West-Berlins aktiv durchlebte. Nach deren Niedergang schloss er sich – wie seinerzeit viele – kurzzeitig einer der vielen kommunistischen Kleinstparteien an: Er trat der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) bei. HaJo bezeichnete dieses Kapitel als eine Verirrung, wenn auch eine prägende: Er bewahrte sich ein gesundes Misstrauen gegenüber jeglicher Art von Organisation und blieb zeitlebens ein schonungsloser Kritiker jeglichen Dogmatismus, auch des anarchistischen. HaJo war kein Mensch, der geräuschlos durchs Leben ging. Überall hinterließ er Spuren, v.a. in den Köpfen der Menschen, die näher mit ihm zu tun hatten. Dabei war er kein Säulenheiliger, wollte es auch nie sein. Menschliche Bindungen verwechselte er nie mit Abhängigkeiten. HaJo hatte einen radikalen Begriff von Freiheit und Selbstbestimmung – er lebte sie. Nie verlor er seinen Optimismus, versuchte immer wieder aufs Neue, an das kollektive Bewusstsein und den Erfahrungsschatz der Menschen anzuknüpfen. Sein Ziel: die Hebung des Selbstwertgefühls der Menschen und die Befähigung zur Selbsthilfe. Dabei sah er sich lediglich als „Katalysator sozialrevolutionärer Prozesse“. HaJos Anarchismus war nicht theoretisch, er war erlebbar. Seine Lebensmaxime lautete: Aus „seiner eigenen individuellen sozialen Situation heraus die sozialrevolutionäre Verbindung im Abwehrkampf und im Kampf für ein Optimum an selbstbestimmtem Leben herzustellen“. Positiv war sein Bezug zu seiner Klasse, v.a. aber zu den Menschen, die wie er in Armutslagen lebten: „Meinen Leuten” gehörte seine Liebe, „und das Höchstmaß an Solidarität, zu dem ich fähig bin.“ Ob in den 1980ern in Berlin-Wedding, in den 1990ern in Bielefeld und in der Altmark, in den letzten acht Jahren wieder in Bielefeld: HaJo mischte sich ein und initiierte zahllose Selbsthilfe-Initiativen im Armutsbereich – auch mit, in und im Umfeld der FAU.

Heiko Grau-Maiwald (FAU Hannover)
und Michael Halfbrodt (FAU Bielefeld)

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