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Erschienen in: Direkte Aktion 193 – Mai/Juni 2009

[Gedicht] Frühling

Jeder Tag ist ein Deal mit der Hoffnung

— abgelegt unter:

Es sollte anders werden. Der Frühling, Hausbesetzer alten Schlages, war in den Norden eingestiegen, riss ihm sämtliche Fenster auf und hätte noch fast die Zukunft instandbesetzt, wären da nicht einige Nächte aufmarschiert mit ihrem tiefsten Blaulicht und Schlagstöcken aus Wind und hätten sämtliche Ansichten geräumt. Doch der Frühling kam wieder mit seinen sonnigsten Kumpels und Kumpaninnen, den prächtigsten Mittagen, ellenlange Bekannte, die beinah von früh bis spät reichten. Und während sie den Straßen ins Kreuz fielen, wurden den Gärten die buntesten Graffitis gesprüht.

Aufs neue ist frisches Licht eingetroffen, die Ferngespräche beginnen gleich hinter dem Bahnhof. Telefonzellen wie frisch gestimmt, die Luft entgratet & im Spiegelglas der Sonnenbrillen zeigt der Tag erste Kurzfilme. Die Sonne fällt dem Himmel um den Hals, dass er blau anläuft davon. An Grünflächen und Bäumen entlang, den Zweigstellen städtischer Gesichtspflege, hat irgendein Griff die Wärme entkorkt. Von Park zu Park prosten sich Vögel zu mit diesem Jahrgang. Auf alteingesessenen Bänken legen sich Hände ineinander, Anhänglichkeiten sammeln sich in allen Sprachen, schenken noch mal nach, voll von liebengebliebenem Gefühl, dem menschlichsten aller Fossilien.

Stadt, glänzend mit funkelndem Asphalt, etwas Pflasterstrand und mehreren Reichtumsinseln, der ganze Großalarm mit grell aufblitzenden Fenstern, wenn der Himmel die Lichthupe drückt, und Parkanlagen, an denen sich die Helligkeit erdet. Während ringsum die Suche nach Neuland beginnt, die Phantasie von Blinkgeber bis Anlasser startet, was los ist, auf Blickfang und Lippensuche künftigen Nistplätzen entgegen. Niemand kämmt heute das Gras gerade. Und der Frühling feuert noch immer wie verrückt seine Kollegen an, die heimlichen Hoffnungen und Enttäuschungen. Sie samt und sonders machen Überstunden, dass es eine reine Fotosynthese ist.

Ein Shampoowechsel weiter ist Samstag. Samstag, das ist der Parkplatz zum Sonntag. Hier werden Autos entstaubt, Motorhauben mit Politur gesalbt, allerlei Wirtschaftswunder in Position gebracht. Strenge Besitzerblicke walten ihres Amtes und befehlen Putzlappen an vordersten Chrom. Die Bäume hängen Blätter hoch an ihre Wäscheleinen. Und folgerichtig kommt er, der Sonntag mit einem vom Typ her anderen Nachmittag, made in Germany, eher ein Familienmodell mit gutgepflegten Bräuchen, reihenweise Spaziergängen und fein abgestimmten Vorsätzen für Montag. Doch das ist eine andere Atmung.

Ralf Burnicki



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