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Erschienen in: Direkte Aktion 195 – Sep/Okt 2009

„Eine Revolution machen nie die Alten.“

Zur Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugendbewegung in Deutschland seit 1918

— abgelegt unter:
September 1939: Im Ernteeinsatz

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden überall in Deutschland Gruppen, die sich „Freie Jugend“ nannten. Einer ihrer Hauptangriffspunkte war der Militarismus, ihr Symbol war das zerbrochene Gewehr. Das Freizeitverhalten dieser jungen Menschen wurde vor allem bestimmt durch Wanderungen, gemeinsames Singen und Musizieren, durch Lesungen und gemeinsamen Diskussionen. Die Natur spielte eine besonders große Rolle, dazu kamen Feste zur Sonnenwende oder Jugendweihe, denn diese Jugendgruppen glaubten nicht an Gott. Sie waren antiautoritär eingestellt, und lehnten daher alles an bevormundenden Zentralinstanzen ab, wozu nicht nur Kirche und Militär zählten, sondern auch die Staatsmacht im Allgemeinen und besonders auch das kapitalistische Wirtschaftssystem. Sie suchten nach Wegen, eine neue und freie Gesellschaftsform aufzubauen, frei von Ausbeutung und Unterdrückung. Dazu setzten sie auf die Herausbildung selbstbewusster und integrer Persönlichkeiten ganz im Sinne des libertären Pädagogen Francisco Ferrer.

Entstehung und Ausrichtung

Die FJ, welche in den Städten normalerweise Gruppenstärken von mehreren Dutzend Arbeiterjugendlichen erreichten, entstanden frei und unabhängig und hatten dem gemäß unterschiedliche Schwerpunktsetzungen.

In der „Freien Jugend“ Heilbronn etwa vereingten sich neben syndikalistischen Jugendlichen auch etwa 30 Mitglieder aus der Wandervogelbewegung, freireligiöse (Monisten) und Guttempler, die dem Anarchismus nahe standen.

Gegen die offiziellen nationalistischen Stellungnahmen zur Besetzung des Ruhrgebietes im Jahre 1923 protestierten sie singend auf dem Marktplatz: „Nie, nie, wollen wir wieder Waffen tragen ... laß doch die großen Herren sich alleine schlagen“. Daraufhin wurden sie von Kirchenbesuchern mit Prügel und Fußtritten attackiert. In der folgenden „Schutzhaft“ starb der 21-jährige Eugen Brecht unter fürchterlichen Schmerzen. Die Behandlung einer akuten Blinddarmentzündung war ihm verweigert worden.

In den SAJD-Gruppen waren Mädchen und Jungen gleichberechtigt, und junge Frauen hatten einen hohen Anteil, manche Aktivisten verliebten sich ineinander. Seit 1922 organisierten sich viele dieser Gruppen in der „Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands“ (SAJD). Diese hatte klaren syndikalistischen Bezug und stand sowohl auf dem Boden der kommunistisch-anarchistischen Weltanschauung nach Kropotkin als auch auf dem der „Freien Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) und ihrer Prinzipienerklärung des Syndikalismus. Die Prinzipien der rein anarchistisch orientierten „Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands“ (FKAD) wurden gleichermaßen anerkannt: „Ihr [der SAJD] können alle jungen Menschen angehören, die revolutionären Klassenkampf auf der Basis des Syndikalismus im Sinne des kommunistischen Anarchismus zu führen bereit sind.“

Organisation und Verbreitung

Die SAJD, die auch über eigene Statuten und Leitsätze verfügte, richtete regionale Sekretariate, die sog. „Bezirksinformationsstellen“, sowie eine eigene Reichsinformationsstelle ein und hielt Kongresse ab. Sie organisierte bis zu 3.000 Mitglieder in 120 Ortsgruppen (1924) und brachte mit „Die junge Menschheit“ und „Junge Anarchisten“ (bis zu 5.000 Exemplare) zwei Presseorgane heraus. SAJD-Gruppen existierten zumeist an Rhein und Ruhr, jedoch insgesamt beinahe flächendeckend bis in die hintersten und reaktionärsten Winkel. In Ostpreußen hieß die Jugend „Sturmvolk – Bund revolutionärer Jugend Deutschlands“/“Sturmscharen“, in Berlin „Freie Arbeiter-Jugend“ – die Gruppennamen unterschieden sich von Ort zu Ort.

In manchen SAJD-Gruppen politisierte sich mittlere bis hohe Prominenz, darunter beispielsweise ein Landtagsabgeordneter (Erich Gerlach, SPD), ein Reichstagsabgeordneter (Paul Albrecht, KPD) und mit Herbert Wehner einer der prominentesten deutschen Nachkriegspolitiker (SPD). Wehner vertrat allerdings in der Dresdener SAJD einen antisyndikalistischen Standpunkt. Wahrscheinlich unter seinem tatkräftigen Mitwirken trat die Dresdener SAJD aus der Reichsföderation im Jahre 1926 aus und gründete sich als „Anarchistische Tatgemeinschaft“ neu.

Innere Konflikte

Innerhalb der anarcho-syndikalistischen Bewegung existierten die unterschiedlichsten Auffassungen über die Anwendung von Gewalt. Die einen befürworteten lediglich den Generalstreik als Niederlegung von Arbeit, andere würden auch gewaltsam gegen Streikbrecher vorgehen und generell nur die Streiks verteidigen. Der Umsturz sollte auf betrieblicher Ebene erfolgen, da die Syndikalisten im allgemeinen bewaffneten Kampf die Gefahr der Neukonstituierung politischer Macht mit totalitären Tendenzen sahen.

Dennoch: Der Trend in dieser Frage inhaltlicher Ausrichtung ging Mitte der 1920er Jahre gerade bei der SAJD zum Undogmatischen hin. „Da das Prinzip des Anarchismus sich gegen jegliche Gewalt richtet, lassen wir uns keine Richtlinien vorschreiben, sondern handeln frei, täglich und stündlich, je nach den Erfordernissen“, so Erich Gerlach aus Heilbronn. Dazu zählte nach Paul Albrecht (Berlin) auch, „gegen die Staatsgewalt jedes Mittel, auch den bewaffneten Kampf anzuwenden.“ Damit wurden diejenigen SAJD-Gruppen verdrängt, welche unter geistiger Führung des Schriftsteller Ernst Friedrich („Krieg dem Kriege“) einen strikt „gewaltlosen“ Widerstand einforderten. In einem Nachruf auf diejenigen Gruppen fasste der Stuttgarter Wilhelm Bötzer zusammen: „Gewiß, vor zirka einem halben Jahr hatten derartige Leutchen noch einen Einfluß auf die Stuttgarter Jugend mit ihrem In-Nackt-Kultur-machen. Heute jedoch liegen die Verhältnisse wesentlich anders. Wir haben jetzt auch die letzten von dieser Sorte, alle ‚Schöngeister’ und ‚Nacktkulturmenschen’ rücksichtslos ausgemerzt (…) Gerade in Stuttgart taucht alle Augenblicke so ein ‚Wahrheitsapostel’, ‚Freiheitssuchender’ und ‚Übermensch’ auf, so daß wir uns jetzt veranlaßt gesehen haben, diesen Schmarotzern an der Arbeiterbewegung auf gut proletarische Art die Meinung zu sagen.“ Ein zweiter Trend ging in Richtung Syndikalisierung und damit Annäherung an gewerkschaftliche Fragen und Tätigkeiten. Das ging soweit, dass sich um 1927 viele SAJD-Gruppen in die FAUD assimilierten, führende Repräsentanten, wie beispielsweise Helmut Rüdiger, Fritz Linow oder Reinhold Busch Funktionen in der FAUD übernahmen, aber nur wenige Jugendgruppen nachwuchsen. 1930 waren noch knapp 500 Jugendliche organisiert.

Schwarze Scharen

Aus manchen Gruppen gingen Ende der 20er Jahre die „Schwarzen Scharen“ hervor, so z.B. in Schlesien, im Ruhrgebiet oder Kassel (siehe dazu Seite 16). Während ältere Syndikalisten zu Beginn der 1930er Jahre noch mit organisatorischen Dingen in der Legalität beschäftigt waren, nahmen die jungen die direkte Konfrontation mit den Faschisten frühzeitig auf: Sie sammelten und versteckten Schusswaffen und wurden von anderen anarcho-syndikalistischen Gruppen zum Schutz von Veranstaltungen engagiert. Sie lieferten sich in der Illegalität ab 1933, mancherorts in Eintracht mit den „Edelweißpiraten“, militante Kämpfe mit der HJ. Einen offeneren Kampf gegen den Faschismus suchten nicht wenige während der Spanischen Revolution ab 1936 und überschritten illegal die Grenzen. Denn die Nazi-Diktatur machte jede offene und effektive Neuorganisation in Deutschland zunichte.

Jugend nach 1945

Als nach 1945 die ersten anarcho-syndikalistischen Gruppen versuchten, sich als „Föderation Freiheitlicher Sozialisten“ (FFS) zu reorganisieren, waren die allermeisten noch lebenden Aktiven bereits jenseits der Vierzig. Sie vermochten es in den Folgejahren nicht mehr, eine Jugend neben sich aufzubauen. Im Zuge der 68er-Kulturrevolution entstand im Jahre 1977 die „Initiative Freie Arbeiter Union“ (I-FAU), welche jedoch ähnlich wie die FFS im Vergleich zur Vorkriegsbewegung keine nennenswerten Mitgliederzahlen, geschweige denn Einfluss erlangen konnte. Die FAU, wie sie sich nach einigen Jahren nannte, hatte in großen Teilen selbst den Charakter einer Jugendbewegung, weshalb eine Jugendorganisation zunächst überflüssig erscheinen musste.

Neue Organisationsversuche

1991: Gemeinsames Transparent der ASJ Stuttgart und der Anarcho-Skins Stuttgart

Einen besseren Anlauf nahm seit 1990 die mehrere Dutzend Mitglieder zählende „Anarchosyndikalistische Jugend“ (ASJ) im Großraum Stuttgart. Sie konnte einige deutliche Akzente in der Öffentlichkeit setzen, beteiligte sich an den Protesten gegen den Golfkrieg, an einer Hausbesetzung, führte einen erfolgreichen selbstorganisierten Streik durch und wurde ein entscheidender Motor für die militante Entnazifizierung Stuttgarter Kernbereiche. Dies war mit vielen persönlichen gesundheitlichen wie strafgesetzlichen Risiken verbunden, und um so anspruchsvoller, als in den Jahren, welche die ASJ existierte (1990-1993), Neonazis und ihre brandschatzenden Schlägerbanden sich deutlich in der Offensive befanden.

Wegen ihrer verstärkt syndikalistischen Ausrichtung seit der Jahrtausendwende erfolgte eine Zunahme an Mitgliedern in der FAU. So treten die unterschiedlichen Bedürfnisse zwischen Alt und Jung seit wenigen Jahren wieder deutlicher hervor. Denn in vielen Regionen hat die FAU hat ihre Funktion als „Durchlauferhitzer“ abgelegt – ein Großteil der älteren Aktiven bleibt dabei. Die Jugend kann in ihrem Umfeld dort ansetzen, wo es für Erwachsene schwierig wird, Gespräche zu führen, nämlich beim ganz Grundsätzlichen, beim Philosophischen. Die Älteren haben es dagegen eher mit Menschen zu tun, die sich in dieser kapitalistischen Welt längst eingerichtet haben, und an die fast nur noch über rein syndikalistische Positionen heranzukommen ist: Die Jugend muss bei Gleichaltrigen viel weniger Mauern durchbrechen, da junge Menschen in der Regel offener und aufnahmebereiter sind.

H. (FAU-Bremen)

Das Zitat in der Überschrift stammt von Abel Paz, dem Biographen des spanischen Anarchisten und Revolutionärs Buenaventura Durruti.

 

Die schwarze Fahne

Der Jugend der Internationalen Arbeiter-Assoziation!

Herzen, erglühend für Freiheit,
Stirnen, trotzend dem Tod,
haben als Sinnbild erkoren
dich, schwarze Fahne der Not.
Duster Panier, wo du wehest
birgt sich der Hunger voll Graus,
rufst du doch laut in die Lande
unsere Botschaft hinaus:
„Arbeiter, nimm die Maschine!
Bauer, nimm dir das Feld!
Kämpf’ um die Heimat der Zukunft,
stürmende Jugend der Welt!“

Lang hielt uns Knechtschaft gefangen,
druckt’ uns die Stirn in den Staub –
Hoffnungen, Freuden, Beglückung
fielen Maschinen zum Raub.
All unser’ blühende Jugend
fraß die Fabrik, das Kontor,
bis aus verzweifelten Kehlen
gellte der Kampfruf hervor:
„Arbeiter, nimm die Maschine!
Bauer, nimm dir das Feld!
Kämpf’ um die Heimat der Zukunft,
stürmende Jugend der Welt!“

Uns’re verdurstenden Seelen
wurden da stiller und klar,
unsere leuchtenden Blicke
suchten der Mitkämpfer Schar,
suchten die nachtschwarze Fahne,
hörten ihr forderndes Weh’n:
„Auf, Anarchisten, zum Kampfe!
Auf, – eine Welt will erstehn!
Arbeiter, nehmt die Maschinen!
Bauern, nehmt euch das Feld!
Vorwärts, erzwing’ dir die Zukunft,
stürmende Jugend der Welt!“

H.G. Grimm, „Sturmvolk“(1923)


Literatur:

Linse, Ulrich: Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1918-1933. Zur Geschichte und Ideologie der anarchistischen, syndikalistischen und unionistischen Kinder- und Jugendorganisationen, Frankfurt/M. 1976

Veith, Martin: Eine Revolution für die Anarchie. Zur Geschichte der Anarcho-Syndikalistischen Jugend (ASJ) im Großraum Stuttgart 1990–1993, Verlag Edition AV, Lich 2009

„Direkte Aktion“: „Von Null auf Hundert. Die Organisierung von Jugendlichen in der und um die FAU“, Nr. 193 (Mai/Juni 2009)

www.syndikalismusforschung.info

ASJ-Gruppen, aktuell: http://www.fau.org/jugend/art_090402-103936

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