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Erschienen in: Direkte Aktion 195 – Sep/Okt 2009

Kein kalter Kaffee

Die IWW setzt nach wie vor auf Konfrontation – ein Einblick

— abgelegt unter:
Die Bosse brauchen uns, aber wir brauchen die Bosse nicht (Foto: Diane Krauthamer)

Die Wobblies – wie sich die Mitglieder der Industrial Workers of the World (IWW) auch nennen – sind auch über hundert Jahre nach der Gründung der Gewerkschaft nicht von der Bildfläche verschwunden. Im Gegenteil: Momentan wächst die Organisation in den USA schneller als die sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften. Mit tausenden Mitgliedern im Land und einer wachsenden Anzahl von Militanten weltweit setzt die ”One Big Union” den Kampf gegen die Bosse in etlichen Branchen fort. Sie führt ihre Konflikte nach wie vor auf der Basis des Grundprinzips, welches sie sich bei ihrer Gründung auf die Fahnen schrieb: Die Arbeiterklasse und die Bosse haben nichts gemein! Dieser Artikel beleuchtet einige der aktuellen Konflikte der Wobblies.

Die momentan sicherlich aktivste Gewerkschaft in der IWW ist die Starbucks Workers Union (SWU). Seit 2004 hat sie weltweit Hunderte von Baristas organisiert. Sie feiert in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen.

Am fünften Mai dieses Jahres gab die SWU die Gründung der ersten Gewerkschaft von Starbucks Workers in Lateinamerika bekannt, dem Sindicato de Trabajadores de Starbucks Coffee Chile S.A. Die ArbeiterInnen in Santiago fordern unter anderem einen verlässlichen Dienstplan, einen respektvollen Umgang am Arbeitsplatz und einen Lohn, von dem man leben kann. “Starbucks gibt es jetzt seit 6 Jahren in Chile. In diesem Zeitraum wurde die Kommunikation des Managements mit den ArbeiterInnen permanent schlechter”, sagt der Organizer Andrés Giordano. “Es gab einige Schikanen gegen KollegInnen, welche konstruktive Kritik am Management aufgrund von Entlassungen und den mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten für Baristas äußerten”, fügt er hinzu. Dagegen wollen sie sich zukünftig zur Wehr setzen.

Am 14. Juli gaben Baristas in Quebec (Kanada) ihren Eintritt in die Gewerkschaft bekannt, sie sind die ersten ArbeiterInnen der Kaffeekette, die sich in der Provinz organisieren. Der Arbeiter Simon Gosselin meint, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, seien die ”unfairen” Veränderungen der Arbeitsbedingungen. Die mehrheitlich studentischen Lohnabhängigen sollen nun mindestens 24 Stunden die Woche arbeiten oder gehen. ”Bisher habe ich 12 bis 16 Stunden gearbeitet, die meisten anderen Beschäftigten auch und niemand von uns wird mehr in der Lage sein, es so zu machen,” sagt Gosselin. Das Studium und die Lohnarbeit zu verbinden, wird auch in Kanada zunehmend unmöglich, wogegen die Starbucks Workers in Quebec nun Widerstand leisten.

Das Bollwerk der SWU bleibt aber die Region der ”Twin Cities”, Minneapolis und St. Paul in Minnesota. Am 8. Juli feuerte Starbucks eine migrantische Barista namens ”Aizze” in St. Paul. Das Management beschuldigte sie des Diebstahls, ohne allerdings Beweise vorzulegen. Anschließend legte die Regionalgeschäftsleiterin der Starbucks-Kette, Claire Gallagher, nach, indem sie die schlechten Englischkenntnisse der Entlassenen ausnutzte und sie dazu brachte, einen Schuldschein zu unterzeichnen, in dem sie sich dazu verpflichtete, den willkürlich festgelegten Betrag von 1.200 Dollar zu bezahlen. Die Gewerkschaft organisierte dagegen eine Kampagne mit der Aizzes sofortige Wiedereinstellung, die sofortige Rücknahme der finanziellen Forderungen seitens Starbucks und eine formelle Entschuldigung gefordert wird.

Die Kampagne gegen die Werbeagentur

In letzter Zeit protestieren gekündigte ArbeiterInnen gegen die Havas Media Planning Group (MPG). Die Werbeagentur, die mehrstellige Millionenumsätze macht und einige der größten Konzerne der Welt zu ihren Kunden zählt, entließ ungefähr 11% ihrer Belegschaft, in erster Linie in der Zentrale in New York. Die Firma begründete dies damit, dass sie Ressourcen frei machen müsse, um ihr Wachstum zu fördern. In einem Artikel im “Media Buyers Planner” schrieb der Geschäftsführer für MPG-Nordamerika, Shaun Holliday, dass “die Reduzierung der Arbeitsplätze nicht erfolgt, weil das Geschäft auf einen profitablen Kern reduziert werden soll, sondern – im Gegenteil – weil das Wachstum angefeuert werden muss.” Doch der Mediengigant rechnete nicht damit, dass einer seiner ehemaligen Angestellten, das IWW-Mitglied Joseph Sanchez, seine arbeiterfeindliche Praxis an die Öffentlichkeit tragen würde. “Dieser extrem profitable Konzern hat mich entlassen, nur um sich Extrageld in seine Taschen stecken zu können”, sagt Sanchez, der in der Buchhaltung arbeitete. IWW Mitglieder haben deshalb damit begonnen, die Kunden der Einzelhandelskette “Kmart”, die sehr gute Geschäftsbeziehungen zu MPG unterhält, über deren Machenschaften zu informieren. Jede Woche verteilen AktivistInnen in New York Flugblätter an die KundInnen von Kmart. Dadurch soll Kmart dazu gebracht werden, sich nicht mehr von MPG bewerben zu lassen, bis faire Abfindungen für die entlassenen ArbeiterInnen ausgehandelt würden. “Kmart sollte seinen Einfluss geltend machen, um sicherzustellen, dass MPG seinen ethischen Verpflichtungen gegenüber seinen Angestellten nachkommt”, meint Mykke Holcomb, Organizer der IWW New York. “In dieser Wirtschaftsordnung ist eine angemessene Abfindung unverzichtbar”, fügt er hinzu.

2008 hatte die MPG-Muttergesellschaft Havas – der sechstgrößte Medienkonzern weltweit – wachsende Profite von 25% zu verzeichnen. Im Januar 2009 entschied sich Virgine Mobile dafür, bei MPG anzudocken. Virgin bezahlt schätzungsweise 15-20 Millionen Dollar jedes Jahr für die Beratung. Im Februar 2009 entschied sich CBS-Film für MPG, was schätzungsweise 100 Millionen Dollar pro Jahr einbringen dürfte. Obwohl es der Firma derart gut geht, gewährt sie ihren ehemaligen ArbeiterInnen nur eine Abfindung, die für ca. vier Wochen zum Leben reicht. Sanchez meint, dass es einfach nicht möglich ist, in dieser Zeit einen neuen Job zu finden. ”Statt meinen Lohn verdienen zu können, bin ich nun auf Arbeitslosengeld und Essensmarken angewiesen.” Als Sanchez und seine KollegInnen entlassen wurden, legte MPG ihnen ein ”Trennungsabkommen” vor, welches sie unterzeichnen sollten, bevor sie ihre Abfindungen erhielten. Darin war die Klausel enthalten, dass die ehemaligen Angestellten die Firma ”in keiner Weise schlecht machen werden”. Nichtsdestotrotz fordern die ehemaligen Angestellten nun die Auszahlung von fairen Abfindungen.

Die IWW in Portland unterstützt währenddessen SozialarbeiterInnen bei Streetlight/Porchlight Youth Shelters, einem Verein, der Unterkünfte für obdachlose Jugendliche zur Verfügung stellt. Die ArbeiterInnen werden von Janus Youth Programs bezahlt und befanden sich mit diesen seit Januar 2009 in Verhandlungen, um höhere Löhne zu erreichen. Das Management von Janus verschleppte jedoch eine Einigung und enthielt den Beschäftigten wichtige Informationen vor. Die IWW reichte daraufhin eine Beschwerde beim National Labor Relations Board (NLRB) ein und legte Beweise vor, die belegen, dass Janus Scheintarifverhandlungen führte, um die Beschäftigten zu zermürben. Janus verweigert weiterhin jede Einigung, auch zu den einfachsten Forderungen der Gewerkschaft. Die IWW beantwortet dies mit einer internationalen Telefon- und E-Mail-Kampagne gegen Janus.

No one is illegal!

Seit April 2009 setzen sich lokale Organizer gemeinsam mit der Southwest Workers’ Union und Mitgliedern der IWW für Gerechtigkeit im Abschiebeknast von Port Isabel (PIDC) in Texas ein. Sie unterstützen dort Menschen im Hungerstreik, unter anderem durch wöchentliche Besuche bei den Inhaftierten.

Support für migrantische ArbeiterInnen im Hungerstreik. (Foto: Diane Krauthamer)

Der Hungerstreik wird eingesetzt, um ein Ende der inhumanen Haftbedingungen durchzusetzen, unter denen die migrantischen ArbeiterInnen leiden. Der Hungerstreik weitete sich aus, bis 200 Häftlinge beteiligt waren. Sie fordern ein ordentliches Gerichtsverfahren, ausreichende medizinische Versorgung für alle Häftlinge, Zugang zu juristischen Verteidigungsmöglichkeiten und ein Ende der physischen und psychischen Misshandlungen durch die Wärter der Einrichtung. Der Sprecher der Hungerstreikenden ist Rama Carty. Er wurde in der Demokratischen Republik Kongo von haitianischen Eltern geboren und lebt seit über 38 Jahren in den USA. Am 3. Juni um ca. 6.15 Uhr bekam das Mitglied der Southwest Workers’ Union Nadezhda Garza einen Anruf von einem Häftling aus dem PIDC. Rama Carty war von vier privaten Sicherheitskräften und einem Beamten um 5.45 Uhr angegriffen worden. Zwei offizielle Beobachter von Amnesty International waren bereits seit dem 2. Juni im PIDC gewesen, um über die Bedingungen in der Einrichtung zu berichten. Sie trafen Carty am Tag vor dem Übergriff. Seine Bitte, mit ihnen erneut reden zu dürfen, ignorierten die Sicherheitskräfte. Als sich Rama Carty beschwerte, wurde er von den Wärtern mit Gewalt in eine Zelle geschleppt.

Die SWU und die IWW organisierten um 13.30 Uhr eine Kundgebung vor dem PIDC und forderten den sofortigen Stopp der Abschiebung von Rama Carty. “Die Hungerstreikenden sind die Speerspitze der Bewegung gegen die inhumane Inhaftierung von migrantischen ArbeiterInnen, wir sollten diesen Kampf als einen Teil des allgemeinen Klassenkampfes sehen”, schrieb der IWW-Organizer Greg Rodriguez.

Am 22. Juli unterstützten Mitglieder der IWW eine Demonstration, die von der Unified Taxi Worker Alliance (UTWA) organisiert wurde. 5.000 Taxifahrer protestierten vor der City Hall für eine faire Praxis im Bezug auf Strafzettel, eine Reduzierung der Steuern für die Taxibranche und die Rückgabe von Geldern, die den Fahrern aus Kreditkartenzahlungen vorenthalten werden. Nach einem Bericht des IWW-Mitglieds J. Pierce war jede Taxifirma der Stadt vor Ort durch FahrerInnen vertreten. FahrerInnen, die sich nicht am Protest beteiligten, wurden durch die AktivistInnen nachdrücklich dazu aufgefordert, ihre Haltung zu überdenken. Die Proteste mündeten in einen zweistündigen Streik, der im Getriebe der Stadt deutlich zu vernehmen war.

Die IWW wird auch weiterhin ihre Doppelstrategie verfolgen, einerseits eigene Kämpfe auszufechten und andererseits die allgemeinen Klassenkämpfe in den USA und weltweit zu unterstützen. Dieser Artikel gibt nur einen flüchtigen Einblick in die Arbeit, die unsere Gewerkschaft leistet. Wir sind vertreten in verschiedenen Branchen in Kanada, Deutschland, Großbritannien, Australien und sogar Japan, um nur einige Länder zu nennen. Als Gewerkschaft arbeiten wir unter den Prinzipien der Direkten Aktion und der Solidarität und bleiben unserer Verpflichtung treu, die Flamme des Klassenkampfes hoch zu halten.

Diane Krauthamer

Übersetzung: Robert Ortmann

Mit Beiträgen von Greg Rodriguez, J. Pierce und der IWW Starbucks Workers Union.

Diana Krauthamer ist freie Journalistin und Redakteurin des “Industrial Worker”, der Zeitung der IWW. Kontakt: iw@iww.org

Mehr Informationen über diese und weitere aktuelle Konflikte der Industrial Workers of the World finden sich auf www.iww.org.

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