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Erschienen in: Direkte Aktion 198 – März/April 2010

„Sich fügen heißt lügen“

Verschiedene Perspektiven auf den anarchistischen Klassiker: Erich Mühsam (1878–1934)

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In der Mühsam-Ausstellung im Buddenbrookshaus in Lübeck sind viele Originale zu sehen. Das Bild zeigt ein Foto Mühsams aus dem KZ Oranienburg, in dem er von der SS ermordet wurde
In der Mühsam-Ausstellung im Buddenbrookshaus in Lübeck sind viele Originale zu sehen. Das Bild zeigt ein Foto Mühsams aus dem KZ Oranienburg, in dem er von der SS ermordet wurde
Die Geschichte libertärer Ideen und Kämpfe vor und im Ersten Weltkrieg, der revolutionären Phase 1918/1919 und der Weimarer Republik spiegeln sich in der Biografie und im Werk des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam in faszinierender Weise wider. Mit seiner in Politik, Literatur und Lyrik gelebten Konsequenz, seiner Unbeirrbarkeit ist er immer Bezugspunkt für viele Menschen gewesen. Auf dieser Seite präsentieren wir euch die Perspektiven von drei kritischen Kulturschaffenden auf Mühsam und sein Werk. Doch zunächst ein kurzer Abriss über sein Leben…

Geboren wurde Erich Kurt Mühsam am 6. April 1878 in Berlin, wuchs jedoch in Lübeck auf, wo sein Vater eine Apotheke betrieb. Um ja nicht in der vom Antisemitismus durchdrungenen Gesellschaft des deutschen Kaisertums als jüdische Familie „negativ“ aufzufallen, versuchte Erich Mühsams Vater, alle Eckpfeiler preußischer Ideologie – Gehorsam, Fleiß, Pflichtgefühl – mit brutaler Gewalt in der Erziehung seiner Kinder durchzusetzen. Trotz Ausschlusses von einem Lübecker Gymnasium wegen „sozialistischer Umtriebe“, machte Erich daher ebenfalls eine Ausbildung zum Apotheker. Doch kaum hatte er diese qualvolle Zeit hinter sich gebracht, flüchtete er sich von der Provinz nach Berlin, um in den Kreisen der literarischen Bohème einen neuen Lebensmittelpunkt zu finden. Die Freundschaft mit Gustav Landauer eröffnete ihm einen neuen politischen wie auch literarischen Horizont, es entstanden die ersten Gedichte und Lieder. Das Studium Proudhons, Bakunins und Kropotkins schärfte Mühsams politische Artikulation, die allerdings immer mehr war als bloße Rezeption der Klassiker. 1903 schuf er mit „Die Homosexualität. Ein Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit“ ein Werk, dessen Bedeutung im Kampf gegen die Unterdrückung schwuler und lesbischer Menschen kaum überschätzt werden kann. Allein, dass ein kulturell angesehener, heterosexueller Mann sich theoretisch und politisch solidarisch mit Schwulen und Lesben erklärte, erregte in ganz Europa aufsehen. Zeitgleich unterstützte er auch den proletarischen Feminismus tatkräftig.

1909 zog Mühsam nach München und wurde dort zu einem wichtigen Bezugspunkt der literarischen Avantgarde (zu seinem Freundeskreis zählte u.a. Heinrich Mann) und der libertären und revolutionären Szene. So gründete er die Gruppe „Tat“, die in erster Linie im Milieu der Obdachlosen, Bettler, Diebe und Prostituierten politisch agierte und agitierte; dieses „Subproleten“ stellten für Mühsam, aufgrund der ihrer ökonomischen Situation entspringenden Opposition zu Bourgeoisie und Staat, eine Basis für eine antistaatliche sozialistische Revolution dar. Dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs versuchte Mühsam durch die Organisierung von Streiks sowie der Gründung eines „Internationalen Bundes der Kriegsgegner“ zu beantworten. Dies führte noch im Jahr 1918 dazu, dass Mühsam verhaftet wurde. Mit Ausbruch der Revolution wurde er jedoch wenige Monate später befreit und avancierte zum populärsten Sprecher und Verfechter der Räterepublik. Als diese im Frühjahr 1919 zerschlagen wurde, verurteilte die Weimarer Justiz Mühsam zu 15 Jahren Haft.

1924 wurde Mühsam schließlich amnestiert. Er ging wieder nach Berlin, um sich dort in der Roten Hilfe zu engagieren, und sich literarisch gegen den erstarkenden Nationalsozialismus zu stellen. Dies führte dazu, dass Mühsam sofort nach der Machtübernahme durch die Nazis verhaftet wurde. Monatelange Folter und Isolationshaft folgten. Schließlich ermordete ihn die SS am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg. In Mühsams letzten Briefen und Gedichten ist dokumentiert, dass auch die Nazis bis zuletzt seinen kämpferischen Willen nicht brechen konnten.

(MM)

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