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Erschienen in: Direkte Aktion 201 – Sep/Okt 2010

Kollektiv gegen die Mafia

Schwedische SyndikalistInnen setzen Szeneladen der High Society unter Druck, der migrantische ArbeiterInnen ausbeutet

— abgelegt unter:

Blockadeaktion bei Berns
Die syndikalistische SAC in Schweden befindet sich in der wohl härtesten Auseinandersetzung ihrer neueren Geschichte. Dieser Konflikt bei Berns, einem großen und prestigeträchtigen Hotel-, Gastronomie und Diskothekbetrieb in Stockholm, nahm seinen Anfang im Jahr 2007, als zehn undokumentierte ArbeiterInnen mit vorübergehender Aufenthaltserlaubnis die Hotel- und Restaurantgewerkschaft der SAC kontaktierten. Die MigrantInnen beklagten sich über furchtbare Arbeitsbedingungen bei Berns: keine Arbeitsverträge, Schichten von bis zu 18 Stunden, manchmal sieben Tage die Woche, untertarifliche Löhne, unbezahlte Nacharbeit, kein bezahlter Urlaub usw. Im öffentlichen Fernsehen sollte später einer von ihnen berichten, dass sie es oftmals nicht schafften, zwischen den Schichten nach Hause zu kommen und so gezwungen waren, ein paar wenige Stunden in den Toiletten oder auf dem Boden des luxuriösen Saals zu schlafen, wo der Jet Set und Angehörige des schwedischen Königshauses sich nachts zu amüsieren pflegen.

Berns machte im Laufe der Zeit von drei Subunternehmen Gebrauch, über die es die Reinigungskräfte billig bezog. Diese wurden speziell dafür gegründet, um Steuern zu sparen und um von den billigen Dienstleistungen Gebrauch machen zu können, ohne mit den damit verbundenen unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Berührung zu kommen. Berns nutzte ausschließlich diese Subunternehmen, weshalb die Aufträge auch nie öffentlich ausgeschrieben wurden. Die drei Firmen hatten immer die gleichen Angestellten, den gleichen Kunden, die gleiche Anschrift und den gleichen Besitzer. Wenn eine dieser Firmen Insolvenz anmeldete, nahm die nächste ihre Arbeit auf. Die ArbeiterInnen wurden so von einem Subunternehmen in das nächste transferiert, ohne das selbst auch nur zu spüren.

Drei Jahre Kampf

Im selben Jahr, in dem Kontakt mit der Gewerkschaft aufgenommen wurde, traten die ArbeiterInnen in den Streik, und ihre GenossInnen blockierten die Eingänge. Berns senkte daraufhin die Wochenarbeitszeit von 80 auf 35 Stunden und hob den Lohn von 1.400 Euro auf 2.000 Euro monatlich an, zahlte die seit einem Jahr ausstehenden Löhne und informierte die Gewerkschaft, dass die ArbeiterInnen sich als direkt bei Berns, ohne Subunternehmen, angestellt sehen sollten. Währenddessen informierten die ArbeiterInnen andere davon, was sie erreicht hatten. Gleichzeitig überlegte Berns, unter Einbezug seiner politischen Kontakte, wie es die GewerkschafterInnen, die immer mehr wurden, loswerden könne.

Es folgte dann eine Phase, in der Berns den Migranten zu drohen begann und letztlich sieben GewerkschafterInnen feuerte. An die Stelle der bisherigen Subunternehmen von Berns trat nun ein neuer Partner, das Subunternehmen NCA, das wieder den Reinigungsdienst übernahm. Gegen Ende 2008 forderte der Rest der SAC-Betriebsgruppe bei Berns von NCA die Einhaltung des Arbeitsschutzes und unbefristete Verträge. Nach erneuten Blockaden konnte dies für die Betriebsgruppe erkämpft werden. Die Betriebsgruppe wuchs erneut mit diesem Kampf, weshalb Berns in der Folge beschloss, sich auch von NCA zu trennen, und diesmal die Reinigungskräfte auch wirklich direkt anzustellen – allerdings nicht die organisierten ArbeiterInnen.

Gegen Ende Februar 2010 forderte dann die SAC von Berns, einen festen Vertrag mit den gefeuerten GewerkschafterInnen zu unterschreiben und die Lohnausfälle zu bezahlen. Um die Verhandlungen zu erleichtern, bot die Gewerkschaft zwei weitere Alternativen an: Entweder solle Berns mit einer revolutionären Kooperative der ArbeiterInnen einen Vertrag abschließen oder den gefeuerten Mitgliedern eine Abfindung von 100.000 Euro zahlen. Berns weigerte sich, weshalb die Gewerkschaft mit neuen Aktionen begann, um die Wiedereinstellung, die Zusicherung gewerkschaftlicher Rechte und die Zahlung der ausstehenden Löhne durchzusetzen. Seitdem finden jedes Wochenende Blockadeaktionen statt.

Wer ist hier mafiös?

Lanciert vom schwedischen Hotel- und Gastronomieverband, in dem Berns Mitglied ist, begann in der Folge eine Pressekampagne, in der die Blockaden der Gewerkschaft als „mafiöse Erpressermethoden“ bezeichnet wurden. Zu ihrer Hundertjahrfeier im Sommer lud deshalb die SAC eine italienische Gewerkschaftsaktivistin ein, die gegen die organisierte Mafia kämpft. „Wer behauptet, die Syndikalisten seien mafiös“, erklärte sie in ihrem Vortrag, „weiß nicht, was die Mafia ist, denn die Mafia tötet Arbeiter“. Die Genossin schilderte auch, dass die Mafia in Italien, so wie Berns in Schweden, ihre politischen Kontakte nutze, um eine Kriminalisierung der Gewerkschaften zu erreichen.

Immer noch, mittlerweile im siebten Monat, finden Blockaden statt. Und immer wieder greift die Polizei diese mit Pfefferspray an, verbreiten berittene Polizisten Angst und werden Leute verhaftet, die später berichten, geschlagen worden zu sein. Indessen haben die Anwälte von Berns angekündigt, dass sie die ArbeiterInnen individuell wegen Erpressung anzeigen werden – ein Präzedenzfall. Andere wurden bereits abgeschoben.

Die PolitikerInnen haben sich bis heute geweigert, über die Regularisierung dieser Mafia-Unternehmen zu diskutieren. Im Gegenteil: Der sozialdemokratische Vizechef der städtischen Polizeibehörde, der die Polizeieinsätze mit verantwortet, hat selbst lukrative Geschäfte mit Berns am Laufen. Als Richter versucht er, die SyndikalistInnen und ihre Kampagnen zu verurteilen. Italien lässt grüßen.

Amalia Alvarez

Übersetzung: Daniel Colm

Die FAU Berlin wie auch die IWW in Deutschland und England unterstützen die SAC in diesem Konflikt. Weitere Infos auf www.fau.org und www.wobblies.de. Achtet auf weitere Ankündigungen.

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