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Erschienen in: Direkte Aktion 203 – Jan/Feb 2011

Der rote Faden

Eine kurze Geschichte der SexarbeiterInnen-Bewegung

— abgelegt unter:

1966: Ein Gruppe von Transfrauen, darunter einige SexarbeiterInnen, verursachen einen Aufruhr in einer Cafeteria in San Francisco, als ein Polizeibeamter eine von ihnen verhaften möchte.

1967: 42 Bunnies aus dem New Yorker Playboy Club lancieren den „Bunny Strike“, nachdem die Verhandlungen über einen Kollektivvertrag gescheitert sind.

Stonewall Riots in der Christopher Street
1969: Eine Polizeirazzia in der New Yorker Christopher Street, bekannt für sein Klientel aus Drag Queens, Transmenschen und Schwulen, einschließlich vieler SexarbeiterInnen, führt zu einer Serie gewaltvoller Proteste.

1973: Die größte feministische Organisation in den USA, die National Organization of Women (NOW), verabschiedet eine Resolution, in der sie sich für die Entkriminalisierung der Prostitution ausspricht. – In San Francisco wird die SexarbeiterInnen-Organisation „Call Off Your Old Tired Ethics“ (COYOTE) von der Feministin Margo St. James gegründet.

Besetzung einer Kirche in Lyon
1975: Im Zuge einer internationalen Kampagne für die Entlohnung von Hausarbeit bildet sich das English Collective of Prostitutes (ECP). – Über 100 Frauen besetzen eine Woche lang im französischen Lyon die Saint-Nizier-Kirche, um gegen die Kriminalisierung ihrer Prostitutionstätigkeit, aber auch die mangelnde Aufklärungsbereitschaft der Polizei bei Ermordungen von Prostituierten zu protestieren.

1979: Mit dem US Prostitutes Collective (US PROS) entsteht eine amerikanische Schwesterorganisation des ECP.

1980: Auf der UN-Weltfrauenkonferenz protestiert das US PROS gegen eine Resolution über Menschenhandel aufgrund deren Auswirkungen auf die Situation migrantischer Sexarbeiterinnen, während COYOTE die Resolution unterstützt. Das US PROS distanziert sich daraufhin von COYOTE aufgrund von Differenzen in der Rassismus- und Kapitalismus-Analyse.Auf einer Frauenkonferenz in San Francisco prägt Carol Leigh den Begriff „Sexarbeit“, der sinnbildlich für das neue Selbstbewusstsein der Prostituiertenbewegung wird.

1981: Die Pornoindustrie stellt auf Videokassetten um. Dadurch erreichen Pornofilme ein Massenpublikum und entstehen große Pornostudios. Einher damit geht ein deutlicher Anstieg der Sexarbeit in der Pornobranche. – In der medizinischen Fachliteratur wird zum ersten Mal über eine Krankheit berichtet, die später den Namen AIDS tragen soll.

1983: Anhörungen im Stadtrat von Minneapolis über eine antipornographische Verordnung unter Beratung der Feministinnen Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon, die Pornos als Verletzung der Bürgerrechte von Frauen werten, haben zur Folge, dass Präsident Reagan einen nationalen Ausschuss zu Obszönitätsfragen bilden lässt.

1985/86: Auf den zwei Welthurenkongressen in Amsterdam und Brüssel wird die Weltcharta für Prostituiertenrechte verabschiedet. Mit der Charta wird eine Unterscheidung von erzwungener und gewählter Sexarbeit in die Debatte eingeführt.

Maggie´s – Sex Workers Organizing
1986: Mit Maggie´s wird das erste von Sexarbeiterinnen geführte Bildungsprojekt in Kanada gegründet.

1991: Der Serienmörder Jeffrey Dahmer wird in Milwaukee verhaftet und angeklagt, 17 junge Stricher ermordet zu haben, die er als vermeintlicher Freier geködert hatte.

The Lusty Lady in San Francisco
1997: Tänzerinnen des Lusty Lady in San Francisco bilden die erste erfolgreiche Stripperinnen-Gewerkschaft in den USA und setzen bessere Arbeitsbedingungen durch. – In Kalkutta findet der erste landesweite Konvent von Sexarbeiterinnen in Indien statt.

1999: COYOTE und die Exotic Dancers Alliance (EDA) gründen ein eigenes Spital als Reaktion auf Zwangsblutabnahmen bei SexarbeiterInnen in einem San Franciscoer Bezirksgefängnis. – In Schweden wird Prostitution offiziell als Gewalt gegen Frauen und Kinder klassifiziert und die Klientel von SexarbeiterInnen kriminalisiert.

2000: Die Niederlande legalisieren Bordelle und verlangen von weiblichen und männlichen SexarbeiterInnen zufriedenstellende Gesundheitstests zur Erlangung von Arbeitslizenzen. – In London treten Prostituierte in einen eintägigen Streik, um gegen die Räumung ihrer Wohnungen zu protestieren.

2002: Die International Union of Sex Workers (IUSW) in Großbritannien tritt der General Workers´ Union (GMB), der viertgrößten britischen Gewerkschaft bei. – Deutschland verabschiedet das Prostitutionsgesetz, mit dem Prostitution legalisiert wird. Das Reformgesetz legalisiert ebenso Zuhälterei, sofern diese durch schriftliche Verträge gedeckt wird, verbessert den Zugang für SexarbeiterInnen zu Sozialleistungen und erlaubt den ArbeiterInnen, gerichtlich gegen säumige Klienten vorzugehen.

2003: Anlässlich der Verhaftung einer Sexarbeiterin in ihrer eigenen Wohnung gründet sich in den USA das Sex Workers Outreach Project (SWOP). – Der US-Kongress verabschiedet PEPFAR, ein 15 Mrd. Dollar schweres HIV-Hilfsprogramm, das das erklärte Ziel beinhaltet, „Prostitution auszurotten“. – Das neuseeländische Parlament stimmt für die Entkriminalisierung von Prostitution und die Regulierung von Bordellen.

2007: 35.000 NachtarbeiterInnen in Bolivien treten in den Streik und weigern sich, die erniedrigenden Gesundheitschecks über sich ergehen zu lassen.

2008: Randall Tobias, unter George W. Bush Leiter der US-Entwicklungsbehörde und bekannter Verfechter der „sexuellen Abstinenz“, taucht auf der Klientenliste eines Escortservices auf. Elena Reynaga vom Latin American and Caribbean Sex Workers Network (RedTraSex) halt eine Grundsatzrede auf der Internationalen AIDS-Konferenz in Mexiko City, die mit stehenden Ovationen bedacht wird.

2009: Der Gouverneur von Rhode Island unterzeichnet ein Gesetz, das den Kauf und Verkauf von sexuellen Dienstleistungen kriminalisiert. – Norwegen folgt Schweden und verabschiedet ein Gesetz, dass die Klienten von SexarbeiterInnen kriminalisiert. Taiwan entkriminalisiert landesweit die Prostitution, nachdem sich SexarbeiterInnen organisiert hatten.

Übernommen aus dem $pread Magazine.
Übersetzung und Ergänzungen: Holger Marcks

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