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Erschienen in: Direkte Aktion 203 – Jan/Feb 2011

Kolumne Durruti

Alltagsgeschichten aus dem real existierenden Kapitalismus

— abgelegt unter:
Eine Kolumne von Thorsten Mitha
Beginnen wir mit einer kleinen Geschichte aus dem wahren Leben. Mein Nachbar hat ein amtlich anerkanntes Rückenleiden, außerdem keinen Führerschein und einen 400-Euro-Job, zu dem er radeln oder mit dem Bus fahren kann. Und er hat eine Fallmanagerin bei der ARGE. Diese schickt ihm immer wieder Stellenangebote für Fahrer oder Bauarbeiter, mit dem Hinweis auf drohende ALG-Kürzungen, wenn er sich nicht bewürbe. Das regt meinen Nachbarn ziemlich auf. Doch nun zu etwas völlig anderem.

Der Rest der Welt regt sich derweil über Wikileaks auf, oder wahlweise über die USA und deren unerhört undiplomatische Diplomaten, oder die kriminellen Cyberangriffe auf harmlose Wohltätigkeitsorganisationen wie Paypal und Mastercard. Wie fing das nochmal an? Da sind dummerweise ein paar zigtausend Dokumente durchgesickert, auf die unter dem Siegel strengster Vertraulichkeit eigentlich nur eine schlappe knappe Million Staatsbedienstete Zugriff hatte. Die Medien verfrühstückten erstmal hocherfreut Depeschen wie die, dass Dirk Niebel eine ziemlich schräge Wahl sei,Guido Westerwelle eitel und inkompetent oder Wladimir Putin autoritär. Freilich, etwa das gleiche steht auch in jedem dritten Zeitungskommentar. Und wer würde hierzulande Angela Merkel schon als risikofreudig und kreativ bezeichnen? Also, warum sollten amerikanische Botschaftsangestellte nicht zum gleichen Schluss kommen und das ihrer Regierung mitteilen? Dass sie es etwas flapsig rüberbringen mussten, ist auch klar, schließlich sollten es auch Intelligenzbolzen wie George Dabbelju wenigstens halbwegs verstehen. Nächster Medienreflex: Das gefährdet den Weltfrieden, also müssen harte Strafen her!

Mich erinnert das eher an den gescheiterten Prozess gegen „spickmich.de“. Dort stellten SchülerInnen ihre Meinung über ihre LehrerInnen ins Netz. Gleiche Reaktion: Einige LehrerInnen wollten das sofort verbieten lassen, denn sowas gefährdet ja den Schulfrieden. Im ganzen Rest der vernetzten Welt ist es übrigens längst üblich, von irgendwem verfasste Meinungen über XYZ einfach gesammelt für den Rest der Welt vorzuhalten. Man kann Rezensionen beim Online-Buchhandel schreiben, in allen möglichen Foren Testberichte über alles Mögliche publizieren und bei einem bekannten Auktionsportal kann ich über Turbopowerseller hansi0815 ungefähr 83764mal „supermega schneller Versand :-)“ oder so lesen. Erleichtert die Orientierung auf dem etwas unübersichtlichen Markt. Da könnte sich unser Staat doch eine Scheibe abschneiden. Wäre es nicht sehr deeskalierend, wenn unsere grünen BeschützerInnen auf Demos statt Nummern Bewertungen vorheriger Kunden am Revers trügen: „schlägt manchmal etwas hart zu“, „ziemlich begriffsstutzig“ oder „steht auf Bullenwitze“?

Was in der großen Welt doch eher als Lachnummer daherkommt, könnte im Kleinen also eine Wohltat sein. Auch für meinen Nachbarn. Vielleicht könnte Wikileaks mal was über seine Fallmanagerin herausbringen. Wenn da nun „ziemlich kreativ, aber völlig inkompetent“ oder „Alphatier, aber beißt nicht“ stünde, wäre er sicher beim nächsten Schrieb vom Amt gleich viel gelassener. Damit es sich jedeR merken kann, könnte man solche Bewertungen auch problemlos standardisieren und auf der Basis gängiger Farbsymbolik grafisch aufbereiten. Also vielleicht schwarz für Trantüten à la Merkel und Oettinger, gelb für Westentaschenwesterwellen, bundeswehrgrün für streb- und folgsame Emporkömmlinge wie zu Guttenberg, rot für Brutalos und Despoten wie Putin und braun für noch schlimmer als alle anderen?

Thorsten Mitha

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