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Erschienen in: Direkte Aktion 203 – Jan/Feb 2011

Ohne Hüllen, ohne Boss

Das „Lusty Lady“ in San Francisco ist der einzige Strip-Club der Welt, den SexarbeiterInnen selbst verwalten

— abgelegt unter:
This is not a porn. "Live Nude Girls Unite!" erzählt die Geschichte der Organisierung im Lusty Lady.

Das kalifornische San Francisco und seine Umgebung können auf eine reichhaltige Tradition selbstverwalteter Betriebe zurückblicken. Viele solcher Betriebe sind heute im Network of Bay Area Worker Cooperatives (NoBAWC) zusammengeschlossen, darunter auch der libertäre Verlag AK Press und die bekannte Umsonst-Klinik aus Berkeley. Das prominenteste Projekt im NoBAWC ist jedoch das Lusty Lady, „die einzige gewerkschaftlich organisierte und selbstverwaltete Peep-Show-Kooperative auf der Welt“, wie es sich selbst auf die Reklametafeln geschrieben hat. Bereits als sich die Tänzerinnen im einst privaten Club gewerkschaftlich organisierten, schrieben sie Geschichte. Mit der Übernahme des Betriebs in Selbstverwaltung wurden die „Lusties“, wie sich die Tänzerinnen nennen, endgültig zu einem wichtigen Referenzpunkt der SexarbeiterInnen-Bewegung.

Live Nude Girls Unite!

Ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geriet das Lusty Lady im Jahr 1997. Mehrere Missstände am Arbeitsplatz, darunter die Benachteiligung schwarzer Stripperinnen bei der Schichteneinteilung oder der mangelnde Schutz vor Gästen, die die Tänzerinnen filmten und fotografierten, führten damals dazu, dass sich die Belegschaft gewerkschaftlich organisierte. Es war nicht der erste Organisierungsversuch von Stripperinnen in den USA – allerdings der erste nachhaltig erfolgreiche. Siobhan Brooks, eine Feministin und Soziologin, die während ihres Studiums im Lusty Lady arbeitete, führte damals die Erfolglosigkeit vorangegangener Versuche u.a. darauf zurück, dass die Organisierungsbemühungen nicht auf einen closed shop abzielten. So konnten – wie etwa beim Pacer´s in San Diego – erkämpfte Errungenschaften schnell durch die Einstellung nicht gewerkschaftlich Organisierter unterlaufen werden, auf die die Bosse den Vertrag mit der Gewerkschaft nicht anwenden mussten.

The Lusty Lady in San Francisco

Im Lusty Lady wollte man den Fehler aus San Diego nicht wiederholen. Zudem fand sich neben Brooks mit Julia Query eine weitere engagierte Feministin im Lusty Lady ein, die den Organisierungsprozess maßgeblich mit vorantrieb. 57 der insgesamt 72 Angestellten entschieden sich letztlich für eine Gewerkschaftsvertretung. Sie bildeten die Exotic Dancers Union – als Teil der Service Employees International Union (SEIU) und wurden von SexarbeiterInnen im ganzen Land unterstützt. Am Ende des Konflikts standen die Beseitigung der bemängelten Missstände, die Anwendung arbeitsrechtlicher Standards, höhere Löhne und ein Vertrag, mit dem der Gewerkschaft ein Mitspracherecht in der Einstellungspolitik eingeräumt wurde. Der Konflikt, der in den USA auch durch die Dokumentation „Live Nude Girls Unite!“ relativ große Bekanntheit erreichte, inspirierte viele Stripperinnen in den USA, sich zu organisieren – auch wenn ähnliche Erfolge bis heute nicht folgten.

Coop-Show

Im Jahr 2003 entschieden sich die Tänzerinnen, erneut in den Streik zu treten. Grund für den Ausstand waren die Pläne der Geschäftsführung, die Stundenlöhne abzusenken. Der Streik war erneut ein Erfolg, doch die Geschäftsführung verkündete daraufhin, den Betrieb mangels Rentabilität zu schließen. Weil die Tänzerinnen nicht all das verlieren wollten, was sie sich erkämpft hatten, entschlossen sie sich, den Betrieb selbst zu übernehmen. Unterstützt wurden sie von anderen selbstverwalteten Betrieben wie etwa dem Good Vibrations, einer Ladenkette für Sexspielzeug in San Francisco, die zehn Jahre zuvor selbst in Arbeiterselbstverwaltung überführt wurde. Für 400.000 US-Dollar konnte der Club letztlich gekauft werden.

Auf ihrer Website erklären die Tänzerinnen, dass die Kooperative eine schätzenswerte Form des Wirtschaftens sei, die die ArbeiterInnen aber auch vor bestimmte Herausforderungen stelle. Im Fall des Lusty Lady sei dies vor allem die Tatsache, dass die Arbeiterinnen – wie üblich in dem Gewerbe – eher jung sind und häufig geringe Bildung genossen haben, die es erschwere, den Betrieb erfolgreich zu führen, wie die PR-Abteilung des Clubs gegenüber der DA erklärte. Innerhalb der Belegschaft sei es zudem immer ein Balanceakt, einerseits Verantwortung zu übernehmen, andererseits keine Autoritäten schaffen zu wollen – eine Gefahr, die bestehe, auch wenn die Teamleitung alle halbe Jahre von der Belegschaft selbst gewählt wird.

Durch den Wandel in der Sexindustrie, der mit dem Aufkommen der Internetpornografie einsetzte, haben viele Stripclubs an Klientel verloren. Auch das Lusty Lady musste deshalb in den vergangenen Jahren Umsatzeinbrüche hinnehmen. Dass sie sich den Laden in dieser Form immer leisten werden kann, darauf will sich die Belegschaft nicht verlassen. Und das ist auch einer der Gründe, warum das Lusty Lady weiterhin ein union shop ist und die Kooperative regelmäßig Verträge mit der Gewerkschaft abschließt. „Sollten wir doch mal wieder privat übernommen werden, dann müssen auch die vertraglichen Standards mit übernommen werden“, erklärt die Pressesprecherin der Lusties. Aber „auch aus symbolischen Gründen brauchen wir die Gewerkschaft. Auf diese Weise unterstreichen wir unsere Forderung, als Menschen mit gleichen Rechten behandelt zu werden, was in der Sexindustrie geradezu revolutionär ist.“ Den Ruf nach Normalisierung, wie er der SexarbeiterInnen-Bewegung eigen ist, teilen so auch die Tänzerinnen des Lusty Lady. Sie wollen nicht als Sonderlinge behandelt werden – weder als Lohnabhängige, noch als Aktivistinnen in der Gewerkschafts- oder Genossenschaftsbewegung.

Holger Marcks

 

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