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Erschienen in: Direkte Aktion 210 – März/April 2012

Übernimm mich von unten!

Mit der Krise stellt sich auch die Frage nach selbstverwalteten Betrieben neu

— abgelegt unter:

Der vermeintlich leichteste Schritt
„Gründen wir doch ein Kollektiv!“ Mit dieser Aussage, vielleicht getätigt am Küchentisch einer Studenten-WG, begann so manche UnternehmerInnenlaufbahn. In Deutschland wurden v.a. im Zuge der Alternativbewegung der 1970er und 80er Jahre viele Kollektive gegründet, meist um einem Leben im Normalarbeitsverhältnis und der kapitalistischen Verwertungslogik zu entgehen. Doch schon wenige Jahre später hatten viele von ihnen – im täglichen Ringen mit den kapitalistischen Zwängen – den Betrieb dicht gemacht oder den äußeren Bedingungen angepasst. Selbstverwaltete Betriebe haben deshalb bei vielen Linken ein Imageproblem. Mit dem überstrapazierten Adorno-Zitat auf den Lippen, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, wird die Idee selbstverwalteter Betriebe im Kapitalismus gerne als „Lohnarbeit light“ beiseite gewischt. Manchen gelten sie gar – mit ihrer Betonung der Selbstverantwortung – als Bahnbrecher des Neoliberalismus. Übersehen wird dabei oft, dass die deutsche Alternativbewegung zu einem großen Teil studentisch geprägt war und vielerorts einen mittelständischen Background hatte. Zuvorderst ging es darum, der behaglich-drögen Lebensperspektive etwas Alternatives entgegenzusetzen. Zweifelsohne gab es auch materielle Zwänge, im historischen und internationalen Vergleich waren sie jedoch eher gering ausgeprägt.

Das Beispiel Argentinien ist da schon anders gelagert. Als im Jahr 2001 die argentinische Wirtschaft kollabierte – damals wurden reihenweise Betriebe geschlossen und verweigerten die Banken den Zugriff auf Ersparnisse –, entstand eine soziale Bewegung, in deren Zuge viele Belegschaften die Produktion in Selbstverwaltung wieder aufnahmen. Dabei ging es weniger um Selbstentfaltung als um Existenzerhaltung. Tatsächlich konnten sich viele der besetzten Betriebe bis heute halten. Aktuelle Studien belegen allerdings auch, dass ein schleichender Prozess der Anpassung an die kapitalistische Realität stattgefunden hat, auch wenn eine deutliche Mehrheit der Betriebe immer noch Kriterien der Selbstverwaltung erfüllt. Zudem wurden, nachdem sich die wirtschaftliche Situation wieder stabilisiert hatte, den selbstverwalteten Betrieben vom Staat gewisse Existenzsicherheiten zugebilligt, womit sie auch einen Teil ihres subversiven Potentials verloren. Es ist daher nicht klar, ob sie heute eher ein Symbol für die Flexibilität des Kapitalismus darstellen oder eben doch darauf verweisen, dass eine andere Wirtschaftsform möglich ist. Vermutlich trifft beides zu.

Diese Ambivalenz zeigt sich denn auch in den neuesten Diskussionen um alternative Ökonomien, die im Zuge der Wirtschaftskrise deutlichen Aufwind bekommen haben (siehe Die dritte Säule). Den einen gelten sie als positive Kompensatoren der kapitalistischen Defizite, andere sehen darin den Ansatz für eine gesellschaftliche Transformation. Die Frage nach dem transformatorischen Potential ist allemal berechtigt. Immerhin vernichtet die Krise zunehmend soziale Errungenschaften, Arbeitslosigkeit und Verarmung nehmen drastisch zu. Zwar hat dies große Protestbewegungen, allen voran in Griechenland hervorgebracht, doch einen Hebel zur Durchsetzung von Alternativen konnten sie bisher nicht finden. Selbst Generalstreiks und militante Kämpfe stoßen an ihre Grenzen, so dass eine Einflussnahme auf den Staat im Sinne einer sozialistischen Umgestaltung unrealistisch scheint. Ganz offensichtlich fehlt es der Linken an einer zielführenden Anti-Krisenstrategie von unten.

Die Idee vom Aufbau einer Gegenökonomie ist nicht neu. Teile der historischen Arbeiterbewegung kannten diesen Ansatz als Form des „konstruktiven Sozialismus“. Dass er sich nicht erfolgreich entfaltete, muss nicht heißen, dass er an sich nicht taugt. Es könnte vielmehr damit zu tun haben, wie er konkret umgesetzt und wie er in die Bewegung eingebettet wurde. Tatsache ist nämlich auch, dass lange Zeit die (gescheiterte) Idee von der Eroberung der politischen Macht dominierte und Konzepte eines „Sozialismus von unten“ an den Rand gedrängt wurden. Das Potential von Gegenökonomien wurde also niemals umfassend erprobt.

Selbstverwaltete Betriebe – seien sie Übernahmen oder Neugründungen – stellen gewiss kein Allheilmittel dar. Doch es gibt Anlass zur Annahme, dass sie über eine kurzfristige Kompensationsfunktion hinaus auch eine langfristige Perspektive bieten können. Dafür müssten sie aber Teil einer breiteren Strategie sein und im Wechselverhältnis mit einer vorwärts strebenden sozialen Bewegung stehen. Wenn diese es ernst meint, mit den kapitalistischen Realitäten brechen zu wollen, ohne erneut den Irrweg des „Staatssozialismus“ zu beschreiten, wird sie ohnehin nicht an jenem Feld vorbeikommen. Und welche Zeit könnte besser geeignet sein, damit anzufangen, als eine, in der ganze Betriebe danach schreien, weiter oder anders bewirtschaftet zu werden?

Robert Ortmann & Holger Marcks

Alle Artikel des Schwerpunkts sind im Inhaltsverzeichnis aufgelistet.

 

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Kommentare
Isegrim sagt
08.03.2012 12:04

Gibt es denn »gibt Anlass zur Annahme« das die FAU eine derartige Position auch beschließt - oder schreibt ihr nur gerne Themen bei anderen Zeitschriften ab. Das Niveau der DA ist dabei allerdings ziemlich erschreckend.

Redaktion BuG sagt
09.03.2012 15:58

Das wird die Zukunft zeigen. Alles im Fluss.
Verzeihe die Frage: Bei welchen Zeitschriften soll das abgeschrieben sein? Ein paar Belege für solch kühne Behauptungen wären ganz nett.

Isegrim sagt
09.03.2012 18:23

Ach wie nett, ihr lest die BARRiKADE nicht, macht nichts, es lohnt keine Diskussion darüber, da ihr einfach nichts reflektiert - aber von einer laufenden Diskussion schreibt ... also nur Nabelschau. Denn nichts ist im Fluss, schon gar nicht in der FAU, denn dort wird dieses Thema nicht diskutiert. Zudem ist der Bericht zu Madrid mehr als öde - und ich kann das beurtzeilen, denn ich war von der CNT als Reprenstant vom Cafe Libertad Kollektiv dorthin eingeladen worden.

Redaktion BuG sagt
09.03.2012 20:09

Du sprichst in Rätseln. Und Belege für die Behauptung fehlen immer noch. Möchtest du dich nicht vielleicht mal nachvollziehbar äußern? Dann könnten wir als DA womöglich auch etwas dazu sagen oder Fragen beantworten. Wenn es dir nun um einen Shitstorm aus Beleidigungen geht - dafür ist uns die Kommentarfunktion zu schade.
Was an deinen Zeilen zumindest verständlich ist, ist die Behauptung, dass in der FAU nicht darüber diskutiert würde. Dagegen spricht schon mal die aktuelle DA-Ausgabe, mehrere Artikel aus den Jahren davor, ebenso das abgedruckte Positionspapier, die Existenz einer Arbeitsgruppe, verschiedene kleine Kollektive und Diskussionen samt praktischen Entwicklungen in lokalen Zusammenhängen, die der Redaktion bekannt sind.
Für weitere Kommentare bitte Folgendes beachten: http://www.direkteaktion.org/service/kommentarhinweise.

levantino honesto sagt
10.03.2012 23:30

in rätseln gesprochen ist bei Kollege Isegrim da gar nichts. Man braucht nur mal den Artikel aus der Barrikade von Ende 2011 http://muckracker.wordpress.com/anarchosyndikalistische-theorie/113-2/ mit diesem hier oben vergleichen ;-) Weggelassenes mit inbegriffen...

Peter sagt
11.03.2012 17:35

Habe mir den von levantino verlinkten Text gerade mal angeschaut und konnte keine abgeschriebenen Textteile finden. Eigentlich sind die beiden Texte stilistisch sogar ziemlich verschieden, finde ich. Scheint eine Troll-Aktion zu sein. Vielleicht sollte man mal Café Libertad darüber informieren, dass hier irgendwer behauptet er sei Mitglied des Kollektiv und mit diesem Hintergrund sehr fragwürdige Gerüchte streut.

HM sagt
11.03.2012 19:14

Eigentlich bin ich kein Freund von solchen "Penisfechtereien". Aber wenn man mit absurden Vorwürfen konfrontiert wird, muss man sich ja zwangsläufig dazu äußern.

Wie die Redaktion schon richtig schrieb, knüpft dieser Beitrag an ältere Beiträge, auch der Autoren selbst, an. Unter anderem habe ich Mitte 2009 (!) einen Beitrag zum Konzept einer Wirtschaftsföderation geschrieben (siehe www.direkteaktion.org/193/hand-in-hand/), in Anlehung an Helmut Rüdigers These vom "konstruktiven Sozialismus". Der Text oben wiederholt nur noch einmal ein paar Kerngedanken, die in dem älteren Beitrag ausführlicher dargestellt werden und sich in ähnlicher Form übrigens auch in dem "Positionspapier Kollektivbetriebe" der FAU Hamburg von Mitte 2011 finden.

Ob der Kollege Mohrhof nun Ende 2011 die in meinem Mitte 2009 veröffentlichten Beitrag enthaltenen Ideen - ich halt sie übrigens nicht für sonderlich einzigartig, sind ja auch seit einigen Jahren etwa in der CNT Usus - aufgegriffen hat oder seinen Text, den ich btw durchaus gut finde, unabhängig davon entwickelt hat, ist mir, gelinde gesagt, egal. Fakt ist aber: Ich werde mich doch wohl noch auf meine eigenen Texte beziehen bzw. bei mir selbst abschreiben dürfen!

Ich hoffe, damit hat sich diese seltsame Ego-Kiste erledigt.

Jens sagt
13.03.2012 09:59

Entschuldigung, aber hier von "abgeschrieben" zu sprechen ist ja wohl gänzlich lächerlich - und solch einen Kommentar hier hinzuknallen ist gegenüber einer Zeitung und auch den Autoren dieses Leitartikels ein nicht unerheblicher verleumderischer Vorwurf.

Das Thema Alternativökonomie ist seit mehr als 100 Jahre Thema innerhalb der Linken, insbesondere natürlich innerhalb der anarchosyndikalistischen Bewegung, von daher ist es nicht verwunderlich wenn Zeitungen wie DA und Barrikade, die beide aus dieser Ideengeschichte kommen, das Thema ähnlich beleuchten.

Durch die Krise ist das Thema nun wieder aktueller, letztendlich aber olle Kamellen frisch serviert. Wie unter http://www.direkteaktion.org/210/konzept-kollektivbetriebe und http://www.direkteaktion.org/210/selbstverwaltung aufgeführt, wurde Alternativökonomie zuletzt innerhalb von attac, Linkspartei und in der Contraste als Schwerpunktthema diskutiert (http://contraste.org/). Die taz macht einen Kongress dazu (http://www.taz.de/programm/2012/tazlab/day_2012-04-14.de.html) Haben die jetzt alle von der Barrikade "abgeschrieben"? (deren artikel in der tat lesenswert ist). Oder haben jetzt alle von der DA "abgeschrieben", die das Thema schon seit Jahren immer wieder in aktualisierter Form behandelt? Oder haben alle bei den "alten" Anarchosyndikalist_innen vor 100 Jahren "abgeschrieben"? Wie gesagt, der Artikel in der Barrikade ist gut, aber der Vorwurf eines "Abgeschrieben" ist gänzlich absurd.

Redaktion BuG sagt
09.03.2012 20:25

Hier eine nur sporadische Auswahl von Beiträgen aus den vergangenen Jahren:
http://www.direkteaktion.org/209/wie-macht-man-es-richtig-im-falschen/
http://www.direkteaktion.org/202/transformationsstudien/
http://www.direkteaktion.org/196/eine-etappe-im-kampf-ums-ganze/
http://www.direkteaktion.org/193/alternativen-praktisch-denkbar-machen/
http://www.direkteaktion.org/193/hand-in-hand/
Unter anderem an diese Beiträge knüpft der Beitrag oben an. Zumindest findest sich das meiste Gesagte in diesen schon.

Annette sagt
21.03.2012 09:58

Schöne Vorstellung, nur leider ziemlich abgehoben von der realen Praxis. Hat sich schon mal jemand gefragt, wie das Produzieren und Wirtschaften nach der Übernahme so eines Unternehmens weiter gehen kann? Heute kommt es doch häufig weniger auf die Verfügung über die Maschinen an als darum, dass man die Produkte auf dem (Welt-)markt losbekommt. Die Komplexität und Mächtigkeit der Produktkionsm,aschinerie stellt ganz andere anforderungen als die Technik der Altvorderen.
Als aktuelles Beispiel: Es stehen ziemlich viele Produktionslinien für Solarzellen still (in noch existierenden Unternehmen und in pleite gegangenen). Wenn wir die übernehmen würden, können wir eigentlich die Welt mit wichtigen Dingen beglücken. Aber es ist völlig unrealistisch, die Übernahme dieser Firmen zu wollen - denn wir könnten es uns schlicht nicht leisten, die Herstellungskosten zu tragen (Material, Energie... sogar wenn wir kostenlos arbeiten).

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