Benutzerspezifische Werkzeuge

Erschienen in: Direkte Aktion 211 – Mai/Juni 2012

Wobblies und Würde in New York

In NYC bewähren sich die IWW im Betrieb und auf den Plätzen

— abgelegt unter:
Protest der General Membership Branch der IWW in New York City

„Wir müssen vereint bleiben, um Gerechtigkeit durchzusetzen“, erklärt Maria Corona entschlossen und ernst der General Assembly an einem der ersten Tage von Occupy Wall Street (OWS). Sofort hallt der Ausruf durch das „People‘s Mic“ kämpferisch über den besetzten Liberty Square: „Ohne die Gewerkschaft gibt es keine Stärke!“ Und nochmals wiederholt die Menge überzeugt die Worte der Sprecherin. Gemeint ist die anarcho-syndikalistische Basisgewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW). Maria arbeitete bei Flaum, einem Zulieferer koscherer Lebensmittel. Bis sie und ihre 22 Arbeitskollegen gefeuert wurden, nachdem sie sich aufgrund respektloser Behandlung und Lohnraub gegen ihren Boss auflehnten. Die Vernetzung der Wobblies – wie die Mitglieder der IWW genannt werden – mit OWS brachte nicht nur Unterstützung für die konkreten Arbeitskämpfe, sondern führte auch zu einem wachsenden Bewusstsein innerhalb der Bewegung über die Bedeutung und Lage migrantischer ArbeiterInnen als Teil der „99 Prozent“. Durch Arbeitsgruppen wie Occupy Your Workplace und Immigrant Workers Justice werden OWS-Aktive für Klassenkampf und Syndikalismus sensibilisiert. Der andere Teil der IWW-Philosophie – Anarchismus – ist bereits sehr präsent und bewusst in der Bewegung vorhanden, da sie auch zum großen Teil von AnarchistInnen initiiert wurde, selbst wenn dieser Teil im Laufe der Zeit zunehmend marginalisiert wurde. Die bewusste Verbindung der allgemeinen Kapitalismuskritik von OWS mit Arbeitskämpfen ist ein wichtiges Anliegen der Wobblies, die in beiden Spektren aktiv sind. Diese Bestrebungen trugen auch dazu bei, dass der 1. Mai dieses Jahr früh geplant wurde und groß angelegt ist. Da der Tag zur Würdigung der ArbeiterInnen in den USA eigentlich der 3. September ist – auch in bewusster Abgrenzung zu den kommunistischen, anarchistischen und syndikalistischen Wurzeln des Internationalen Tags der Arbeit – passiert am 1. Mai, der in den USA kein Feiertag ist, meistens nicht sonderlich viel. Mit der Gründung der Mayday-Koalition von OWS mit Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen soll das dieses Jahr anders werden. Dezentrale militante und direkte Aktionen in der ganzen Stadt sollen Aufsehen erregen und eine Großdemonstration am späten Nachmittag soll die vereinte Front von ArbeiterInnen und Occupy Wall Street zeigen. Das allgemeine Motto ist der Generalstreik: „Ein Tag ohne die 99%.“

Die Wobblies suchten in der Flaum-Kampagne jedoch nicht nur den Kontakt zu OWS, sondern auch zu jüdischen Communities und internationalen syndikalistischen Netzwerken. Der dadurch erzielte massive Andrang an Anrufen aus aller Welt – Occupier, Rabbis, GewerkschafterInnen, AktivistInnen, ArbeiterInnen – an das Management von Flaum, aber auch an all die Feinschmecker-Restaurants und Delikatessen-Märkte in New York, die Lebensmittel von Flaum beziehen, führte zu einem Riesenerfolg: Mehr als 120 der renommierten Abnehmer beendeten die Kooperation mit dem Lieferanten.

Direkte Aktion auf der Straße und im Betrieb

Dies ist ein sehr repräsentatives Beispiel der Taktiken in den vielen Arbeitskämpfen, die die Wobblies in den letzten Jahren erfolgreich geführt haben. „Wir kämpfen immer bis zum Schluss, bis zum Sieg“, betont Daniel Gross, eine der treibenden Kräfte in diesen Prozessen. In vorherigen Kampagnen konnten die ArbeiterInnen durch gerichtliche Verhandlungen sogar bis zu 470.000 $ der unterschlagenen Mindestlöhne und Überstunden zurückerhalten. Mit der allgemeinen Kampagne Focus on the Foodchain konzentrieren sie sich durch Unterstützung der Non-Profit Organisation Brandworkers auf die Ausbeutung in der Lebensmittelindustrie in New York City. Dieser Schwerpunkt wurde auch gewählt, da „vor allem die Verarbeitung und der Vertrieb von Lebensmitteln ein relativ unsichtbarer Teil der Lebensmittelkette ist und die ArbeiterInnen hier daher besonders unterdrückt und schlecht behandelt werden“, so Joseph Sanchez, ein Delegierter von IWW und Mitarbeiter bei Brandworkers. Während das Management ausschließlich aus weißen US-Amerikanern besteht, sind die meisten ArbeiterInnen People of Colour, größtenteils aus Lateinamerika, aber auch aus China und Südostasien. Die unwürdige Behandlung ist ein sehr zentraler Punkt in den meisten Kämpfen, der den ArbeiterInnen sogar wichtiger ist als Lohnfragen. „Wir werden als Küchenschaben bezeichnet und als Tiere gesehen! Mich interessiert nicht so sehr das Geld. Wir kämpfen für würdevollen Umgang“, stellt Maria Corona klar.

Es geht nicht nur ums Geld

Der Mangel an Respekt, seitens der Bosse wird auch deutlich in den unzähligen Fällen fehlender Implementierung von Sicherheits- und Gesundheitsstandards. Vor einem Jahr führte dies sogar zum Tod eines 22-jährigen Arbeiters der Tortilla-Fabrik Chinantla. Hätte sich das Management an die vorschriftsmäßigen Minimalvorkehrungen zur Sicherheit der ArbeiterInnen gehalten, wäre Juan Baten nicht in das Mischgerät gefallen. Durch juristische Hilfe für Juans Witwe, Solidaritäts- sowie Öffentlichkeitsarbeit konnten die Wobblies und Brandworkers erfolgreich zur Verhaftung des Bosses beitragen.

Auch im aktuellen Kampf von Focus on the Foodchain spielt Respekt eine zentrale Rolle. Seit die große Brotmanufaktur Tom Cat - Marktführer in diesem Bereich in New York – von einem texanischen Investor aufgekauft wurde, haben sich die Arbeitsbedingungen der Lieferanten enorm verschlechtert. „Wir werden beschimpft und angeschrien, wie Kinder behandelt“, beschwert sich Dario Pinos, der von den ArbeiterInnen direkt gewählte Leiter und Vertreter. Ein wirkungsvoller Eskalationsplan von 3 Monaten soll zur Kündigung des Managers Walter Knox führen. Die Strategie, die mit symbolischen Taktiken begann, involviert im Verlauf immer mehr direkte Aktionen und Methoden, um realen wirtschaftlichen und öffentlichen Druck auszuüben. Denn „man sollte seine wirkungsvollsten Waffen nie gleich zu Beginn enthüllen“, so Daniel Gross. Nach einer massiven Telefonaktion mit solidarischer Beteiligung aus dem ganzen Land aber auch Europa, bei der sich hunderte AnruferInnen bei den Managern über den unwürdigen Umgang mit den Fahrern beschwerten, kündigte bereits der erste Abteilungsleiter. Doch auch in diesem Fall wird nicht aufgehört, bis Walter Knox geht. Auch wenn die etablierte Gewerkschaft, bei der die Arbeiter eigentlich organisiert sind, alles tut, um ihre Mitglieder zu beschwichtigen und ruhig zu halten. Die

wütenden Fahrer versuchen nun zweigleisig zu fahren und mithilfe der radikaleren IWW nach Jahren der Demütigung endlich Gerechtigkeit zu erlangen. Denn, wie einer der Tom Cat Arbeiter es auf den Punkt brachte: „Was kannst du mehr im Leben tun, als für deine Rechte zu kämpfen? Geld verschwindet schnell, aber die Erfahrung des Kampfes bleibt mit dir.“

Myrto Adrianopoulou (Mitglied der IWW-NYC)

Update:

Mit einer gerichtlichen Abfindung musste  das Unternehmen Flaum Appetizing, Anfang Mai, nun den ArbeiterInnen 557.000 US$ für unterschlagene Löhne zahlen.

Die New York Times berichtet: http://cityroom.blogs.nytimes.com/2012/05/07/kosher-food-manufacturer-to-pay-577000-in-settlement/

Artikelaktionen
  • Versenden
  • Teilen
  • Drucken
Kommentare
Wobblie sagt
08.05.2012 12:43

Als IWW Mitglied, Anarchist und DA- Leser muss ich sagen das die IWW keine anarchosyndikalistische Gewerkschaft ist. Auch wenn man die Einflüsse sicherlich nicht abstreitbar sind. So legen doch die meisten Mitglieder auf dem Erdball wert darauf in einer Strömungsübergreifenden Gewerkschaft zu sein. Explizit für mich war das ein Grund nicht in die FAU einzutreten sondern eben bei den Wobblies.

robert sagt
09.05.2012 11:41

Die Unterschiede zwischen dem Unionismus und dem Anarchosyndikalismus haben sich in konkreten historischen Situationen in verschiedenen Teilen der Erde entwickelt. Leute die sich nicht theoretisch intensiv mit dieser Geschichte beschäftigen, sind diese Unterschiede nur schwer verständlich zu machen. Dies nicht zuletzt auch deswegen, weil sie sich in der gewerkschaftlichen Praxis im hier und heute vollständig relativieren. Mein Eindruck ist, dass die marginalen Unterschiede zwischen diesen Gewerkschaftskonzeptionen momentan in erster Linie auf der Grundlage von individuellen Identitätskonzepten betont werden. Diese bringen uns beim Versuch eine revolutionäre Gewerkschaftsbewegung aufzubauen allerdings kein Stück weiter. Im Gegenteil. Ich plädiere deshalb dafür alles unter dem – nebenbei auch benutzerfreundlichen - Begriff des Syndikalismus zusammen zu fassen. Welche Strategien und Strukturen effektiv als Instrument in aktuellen Klassenkämpfen taugen, wird sich ohnehin in der Praxis erweisen müssen.

Thomas Winzer sagt
09.05.2012 20:22

Dieser Artikel, in der die IWW als anarcho-syndikalistische Gewerkschaft bezeichnet wird, ist doch selbst von einem IWW-Mitglied in New York City.

IWW sagt
10.05.2012 00:48

Ob die Industrial Workers of the World eine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft ist oder nicht, wird auch unter Wobblies oft kontrovers diskutiert. Obwohl sie der CNT und der FAU Nahe stehen, ist der Unterschied tatsächlich, dass Mitglieder sich nicht als Anarcho-SyndikalistInnen identifizieren müssen. Die einzigen Voraussetzung sind, dass man sich mit den Prinzipien vertraut macht und nicht die Macht hat, Personen anzustellen oder zu feuern.
Dennoch sind eben diese anarcho-syndikalistischen Prinzipien seit der Gründung zentral für die Ausrichtung der Gewerkschaft.

Und eine Ergänzung zum Update: Von der Abfindung der Flaum-Kampagne wurde in verschiedenen Zeitungen berichtet, unter anderem auch in der online und Printausgabe des Wall-Street-Journal:
http://online.wsj.com/article/SB10001424052702304363104577390472791923282.html?KEYWORDS=Flaum

Berliner FAU-Mitglied sagt
10.05.2012 10:55

Zitat:
> Obwohl sie der CNT und der FAU Nahe stehen, ist der Unterschied tatsächlich, dass Mitglieder sich nicht als Anarcho-SyndikalistInnen identifizieren müssen. Die einzigen Voraussetzung sind, dass man sich mit den Prinzipien vertraut macht und nicht die Macht hat, Personen anzustellen oder zu feuern.

Das ist aber auch bei der FAU der Fall, siehe die Mitgliedsvoraussetzungen bei der FAU Berlin: http://www.fau.org/ortsgruppen/berlin/Mitgliedsantrag.pdf
• Ich bin ArbeiterIn. Gemeint sind alle Erwerbstätigen,
Erwerbslosen, Lohnabhängigen, (Schein-)Selbständigen,
Auszubildenden und RentnerInnen.
• Ich bin kein/e ArbeitgeberIn. D.h. ich habe nicht die
Mögl., ArbeiterInnen einzustellen oder zu entlassen.
• Ich übe keine Tätigkeiten aus, die im Widerspruch zu
den Zwecken und Zielen der FAU stehen.
• Ich unterstütze die Grundsätze der FAU und werde
mich ihren Strukturen/Beschlüssen entspr. verhalten.

That's it. Ich weiß es nicht, bei kleineren FAU-Gewerkschaften bzw. wenn man sich noch im Aufbau befindet, dann mag die Praxis (informell) manchmal anders sein, weil man sich im kleineren Kreis "näher" kennenlernen kann/möchte. Für die FAU Berlin gelten jedoch formell wie imformell die obigen Voraussetzungen. Punkt.

Thomas Winzer sagt
10.05.2012 10:56

Ein altes Mißverständnis zum Anarcho-Syndikalismus ist es, dass Anarcho-Syndikalismus Gewerkschaft von AnarchistInnen bedeutet. Man muß aber keinE AnarchistIn sein. Anarcho-Syndikalismus bedeutet Gewerkschaft nach anarchistischen Prinzipien. Die Mitglieder bestimmen wo es lang geht, Entscheidungsfindung per imperativem Mandat von unten nach oben, Föderalismus, Rotationsprinzip und wie in der IWW soll in der "Nutshell of the old world" die neue Gesellschaft entwickelt, d.h. Selbstverwaltung in Betrieb und Gesellschaft angestrebt werden.

classwar sagt
20.09.2012 13:21

"Anarcho-Syndikalismus bedeutet Gewerkschaft nach anarchistischen Prinzipien."

Auch das ist Unsinn, wenn man betrachtet, dass der revolutionäre Syndikalismus bereits die gleichen Prinzipien hatte. Nicht umsonst sind die Prinzipien der IAA die des "revolutionary unionism".
Das "Anarcho" läßt sich eher durch das explizitere gesellschaftliche Ziel - den libertären Kommunismus - und dem Wunsch einzelner Syndikalisten, die unbestreitbare ideologische Nähe zwischen Syndikalismus/Unionismus zu betimmten Strömmungen und Organisationen des Anarchismus zu betonnen, erklären. Ob letzteres hilfreich ist eine andere Frage und drückt sich ja gerade in solchen Diskussionen hier aus.

syndi sagt
23.09.2012 22:37

alles unnötiges klimbim. revolutionärer syndikalismus und anarchosyndikalismus sind bewegungstypologisch identisch. der einzige unterschied, den es gibt, ist das auf der einen seite leute wie classwar, den einen begriff ablehnen, und auf der anderen seite leute den anderen. das wird dann mit allem möglichen "ideologischen" kriterien begründet. beides blödsinn. ist es denn so schwierig zu verstehen, dass man unter zwei verschiedenen begriffen das gleiche meinen kann? das wurde doch in 150 jahren jetzt schon tausendmal festgestellt. und trotzdem gibt es offenbar immer noch genug genossens, die sich an dem begriff aufhängen, um einnbebildete unterschiede herbeizureden.

Eigenen Kommentar hinzufügen

Wir freuen uns über Kommentare! Dein Kommentar wird als unformatierter Text dargestellt. Bitte auch unsere Hinweise beherzigen.
Da wir sehr viel Spam erhalten, wird dein Kommentar freigeschaltet (moderiert).

(Erforderlich)
Weitere Artikel
Betrieb & Gesellschaft
Hintergrund
Globales
Zeitlupe
Kultur
Termine
- Anzeigen -
graswurzelrevolution – Zeitung und Buchverlag
LabourNet Germany: Treffpunkt für Ungehorsame
IT'S TIME TO ORGANIZE
FAU Logo
Die FAU ist eine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft, die aus Lokalföderationen und Syndikaten besteht.
Join the union…
RSS-Feeds

Alles:
RSS-Feed Artikel | RSS-Feed Termine (auch als iCal-Feed iCal)

Nur einzelne Rubriken:
RSS-Feed Betrieb & Gesellschaft | RSS-Feed Kultur
RSS-Feed Hintergrund | RSS-Feed Globales | RSS-Feed Zeitlupe

Folge uns auf

Direkte Aktion – Zeitung:
Twitter DA Facebook DA

FAU – Basisgewerkschaft:
Twitter FAU Facebook FAU