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Erschienen in: Direkte Aktion 231 – Sept/Okt 2015

„Das Recht auf Faulheit“

Wenn die Arbeit etwas Schönes und Erfreuliches wäre, hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen

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Im Jahre 1880 erschien in der französischen Zeitschrift L‘Égalité ein Text, der nochmals eine ganz andere Sichtweise auf das Thema Arbeit werfen sollte: Le droit à la paresse – Das Recht auf Faulheit. Drei Jahre später erschien die Schrift nochmals als Broschüre, ins Deutsche wurde der Text von Eduard Bernstein übersetzt, und erschien in der Zeitschrift Sozialdemokrat. Die Schrift Le droit à la paresse wurde als Gegenargumentation zu Marx‘ Das Recht auf Arbeit verfasst.

Aus wessen Feder entstammt der Text?

Im Jahre 1842 erblickte Paul Lafargue (Taufname war Pablo) das Licht der Welt. Er verbrachte seine Kindheit in Santiago de Cuba, auf der Karibikinsel Kuba. Seine Eltern hatten französischen, kreolischen und jamaikanischen Hintergrund und besaßen eine Kaffeeplantage. Im Jahre 1851 zog es die Familie nach Frankreich. Genauer gesagt nach Bordeaux. Dort beendete der junge Lafargue das Gymnasium und ging dann zum Studieren nach Paris. In der französischen Hauptstadt lernte er Menschen aus der republikanischen Opposition kennen. Im Herbst 1868 trat Paul Lafargue der französischen Sektion der Internationalen Arbeiter Assoziation (Gegründet 1864 in London von Karl Marx) bei. Diese Sektion war beeinflusst von Proudhon und Blanqui. Ebenso wurde er in das Organisationkomitee des Studenten-Kongresses gewählt, der wegen polizeilicher Behinderung in Lüttich (Belgien) stattfand. Nach dem Kongress bekam er für zwei Jahre ein Verbot in Frankreich zu studieren, und er ging nach London um sein Studium zu beenden. Dort begegnete er Karl Marx, dessen Tochter Laura Paul Lafargue im Jahre 1868 heiratete. Während seiner Zeit in London wurde Lafargue in den Generalrat der Internationalen Arbeiter Assoziation gewählt. Dort vertrat er Spanien.

Frankreich, Spanien und wieder zurück

Im Jahre 1868 kehrte Paul Lafargue nach Frankreich zurück. Er begann dort eine erfolgreiche Laufbahn als Journalist. Als sich 1870 die Erste Internationale gegründet hatte, war Paul Lafargue in Gründungsgruppe der französischen Sektion. Bei Beginn des Deutsch-Französischen Krieges (1870 – 1871) gingen Paul und Laura Lafargue von Paris in den Südwesten Frankreichs, wiederum nach Bordeaux. Da er von dort aus versuchte, die Pariser Kommune zu unterstützen, ging die Familie mit der gewaltsamen Auflösung des sozialistischen Experimentes in Paris ins Exil nach Spanien. In seiner neuen Heimat übersetzte Paul Lafargue die Schriften von Marx und Engels ins Spanische. Es waren die ersten spanischen Übersetzungen der Texte.

Die französische Regierung erließ im Jahre 1882 eine Amnestie für die Kämpfer_innen der Pariser Kommune. So stand der Rückkehr nach Paris, über Lissabon und London, für Paul Lafargue nichts mehr im Wege. Noch im gleichen Jahre war er Gründungsmitglied der Partei „Parti Ouvrier“. Sie gilt als die erste Kommunistische Partei Frankreichs. Gegen Ende des Jahres 1882 bekommt Paul eine Vorladung: Ihm wird vorgeworfen, er würde bei seinen Ansprachen zu „Mord, Raub und Brandstiftung“ aufrufen. Er erscheint nicht vor dem Gericht und geht in den Untergrund. Nach dreiwöchiger Fahndung wird Paul Lafargue gefasst und nach vier Tagen wieder entlassen. Er wird zu sechs Monaten Haft und einer Geldstrafe verurteilt. In den nächsten Jahren verbrachte Paul viel Zeit damit, Wahlkampf für die Partei zu machen. Die „Parti Ouvrier“ konnte dann auch einige Erfolge für sich verbuchen. Sie schaffte es in verschiedene französische Parlamente bis hin in den Nationalrat. Des Weiteren unterstützte er Streikbewegungen in ganz Frankreich und sprach auf deren Veranstaltungen.

Freiwilliger Abgang

Im Jahre 1911 entschieden sich Paul und Laura Lafargue die Welt für immer zu verlassen. Während das Umfeld nichts von der Auseinandersetzung mit dem Tod wahrnahm, lief die Vorbereitung bei beiden längst. Am Samstag den 25. November besuchten sie gemeinsam eine Oper in Paris. Danach kehrten sie nach Hause zurück, nach Dravail. Den nächsten Morgen erlebten sie nicht mehr. Paul Lafargue hinterließ noch eine Botschaft:„Gesund an Körper und Geist gab ich mir den Tod, bevor das unerbittliche Greisenalter einen Teil des Vergnügens und der Freude des Daseins nimmt und mich der physischen und geistigen Kräfte beraubt, meine Energie lähmt, meine Sinne bricht und mich zur Last für mich selbst und die anderen macht. Seit Jahren habe ich mir das Versprechen gegeben, das 70. Lebensjahr nicht zu überschreiten. Ich habe die Jahreszeit für meinen Abschied aus dem Leben längst bestimmt und die Ausführung meines Entschlusses vorbereitet, nämlich eine Einspritzung von Zyankali. Ich sterbe mit höchster Freude, die mir die Gewissheit bereitet, dass die Sache, der ich 45 Jahre meines Lebens gewidmet habe, in nicht allzu ferner Zeit triumphieren wird. Es lebe der Kommunismus. Es lebe der internationale Sozialismus!“

Die Beerdigung war groß, es kamen bis zu 15.000 Menschen zum Friedhof Père-Lachaise, um dem Sarg zu folgen.

Le droit à la paresse

Als seine bekannteste Schrift im Jahr 1880 erschien, saß Paul Lafargue im Gefängnis Sainte-Pélagie. Um was dreht sich diese Broschüre mit dem provokanten Titel? Zu zuallererst war es eine Antwort auf die Schrift Das Recht auf Arbeit seines Schwiegervaters Karl Marx:

„Ich will den Einfluss der Kirche umfassend wieder herstellen, weil ich auf sie zähle in der Verbreitung jener guten Philosophie, die anderen Menschen lehrt, dass er hier ist, um zu leiden, und nicht jener anderen Philosophie, die im Gegenteil zum Menschen sagt: Genieße“ (Seite 3). Mit diesem Zitat beginnt das Vorwort. Es ist ein Zitat eines Herrn Thiers, Mitglied der Kommission für den Grundschulunterricht. Weiter schreibt Paul Lafargue dann: „Herr Thiers drückte damit die Moral der Bourgeoisie aus, deren brutaler Egoismus und deren engherzige Denkart sich in ihm verkörpert“ (ebd.). Im späteren Verlauf des Textes nennt Paul Lafargue sie nur noch Moralisten.Am Anfang beschreibt der Verfasser das Bild der Arbeitsverhältnisse seiner Zeit in Frankreich, er wirft den arbeitenden Menschen vor sie sind dem Dogma der Moralisten auf dem Leim gegangen, Er nennt es in einer Überschrift „Das verderbliche Dogma“.Paul Lafargue meint damit, dass die Menschen ihren Müßiggang vergessen haben. Und stattdessen lieber arbeiten gehen, und wenn die Moralisten es wollen auch 12 bis 14 Stunden am Tag. Dadurch erschaffen sie ihr eigenes Elend. Um seine Thesen zu untermauern fügt er immer wieder Zitate ein: Im ersten Teil lässt er Villermé ausführen, „dass die Sträflinge in den Zuchthäusern nur zehn Stunden, die Sklaven auf den Antillen nur neun Stunden durchschnittlich arbeiteten, während in Frankreich, das die Revolution von 1789 gemacht, das die hochtrabenden Menschenrechte proklamiert hat, es Manufakturen gibt, wo der Arbeitstag 16 Stunden dauert, von denen den Arbeitern 1,5 Stunden Eßpausen bewilligt werden.“ (Seite 9). Sowie ein paar Sätze später ein Zitat des Ökonomen Destutt de Tracy: „Die armen Nationen sind es, wo das Volk sich wohl befindet, bei den reichen Nationen ist es gewöhnlich arm“ (ebd.). Auf den nächsten Seiten führt er weiter aus, wie er die arbeitenden Menschen in Frankreich sieht und klagt an „Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten, und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetzt der Produktion“ (Seite 10). Eine Seite später: „Statt in den Zeiten der Krise eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor Hunger die Köpfe an den Toren der Fabrik ein“ (Seite 11).

Was der Überproduktion folgt

„Eine gute Arbeiterin verfertigt auf dem Handklöppel gerade fünf Maschen in der Minute; gewisse Klöppelmaschinen fertigen in derselben Zeit dreißigtausend. Jede Minute der Maschine ist somit gleich hundert Arbeitsstunden der Arbeiterin, oder vielmehr, jede Minute Maschinenarbeit ermöglicht der Arbeiterin zehn Tage Ruhe“ (Seite 13). Der Autor schreibt über mehrere Seiten von der Wohltat der Maschine. Sie verrichtet ein Vielfaches mehr an Arbeit wie der Mensch, dadurch hat dieser wieder mehr Zeit sich zu zerstreuen und das Leben zu genießen. Für ihn dient die Staatsgewalt hauptsächlich zur Unterdrückung einer Revolution „ So sind die Festungen von Paris oder Lyon nicht gebaut worden, um die Stadt nach außen zu verteidigen, sondern um Revolten zu unterdrücken“ (Seite 16) oder ein paar Sätze später: „ Die europäischen Nationen haben keine Volks-, sondern eine Söldnerarmee zum Schutz der Kapitalisten gegen die Wut des Volkes (…)“. Zum Ende dieses Teils weist der Verfasser noch darauf hin, dass es in anderen Ländern, z.B. England, eine kürzere Arbeitszeit gibt und dabei noch eine höhere Produktivität.

Im dritten Teil gibt Paul Lafargue nochmals ein Plädoyer ab: Er möchte einen Arbeitstag von drei Stunden, er sieht darin auch die Chance auf Vollbeschäftigung. Er möchte auch den Kapitalisten keine Arbeitsschicht von zehn Stunden aufbürden: „verbieten muss man die Arbeit“ (Seite 21). Die einzigen, die nicht in den Genuss der Faulheit kommen sollen, sind die Moralisten. „Aber bittere und lange Rache wird man an den Moralisten nehmen, welche die menschliche Natur verdreht haben, an den Betbrüdern, Heuchlern, Scheinheiligen und dem anderen derartigen Gesindel, das sich verstellt, um die Leute zu betrügen.“

F. Rönberg

Literatur








Lafargue, Paul

Das Recht auf Faulheit

erhältlich zum Beispiel im Programm des Trotzdem Verlags für 10 Euro.

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Kommentare
seppl sagt
04.10.2015 09:28

Mit dieser einen Schrift, die wohlgemerkt auch eine Satire ist und von marxistischem industriellem Fortschrittsglauben tropft, kommt man nicht klar. Nehmt Gustav Landauer hinzu: "Nur die werden den Sozialismus schaffen, die aus ganzer Seele Ruhe brauchen und Erlösung, die sie aber nicht finden im Nichtstun, sondern die sich flüchten aus der verruchten Arbeitsplage des Kapitalismus in die gesunde freudebringende sozialistische Arbeit! Menschen mit Kräfteüberschuß braucht der beginnende Sozialismus, die nicht wehleidig nach der Zahl der Arbeitststunden fragen und die es unterm Sozialismus nicht äußerlich und rechnerisch besser haben wollen, sondern die lüstern sind nach Arbeit der Freien, der Frohen, die leben, um ihr Werk zu tun, sei ihr Werk auch nur bescheiden-tätige Mithilfe im Schoß der Gemeinde." (Der Arbeitstag)

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